"No Disc" behauptete standhaft mein CD-Spieler, als ich versuchte, ihm diese DVD einzuverleiben. Dabei hatte ich meinen guten Grund, das technisch Unmögliche möglich machen zu wollen. Schließlich bildet diese Silberscheibe lediglich ein Konzert ab - und zwar auf nicht nur langweilige, sondern auch Fantasie-begrenzende Weise. So wird den Augen vorgeschrieben, dass sie stets den Quell der Geräusche zu betrachten haben - kein Blick kann zwischenzeitlich verstohlen zum hübschen Cellisten abschweifen oder gar die Blechbläser beim Pausen-Getuschel ertappen. Alles also wie gehabt. Steif steht der Chor und sitzt das Orchester da, und nicht erst wenn das Publikum am Ende einen eigenen Track für seinen steifen Applaus zugestanden bekommt, enthüllen sich Ödnis und Leere des gutbürgerlich-repräsentativen Konzert-Rituals.
Immerhin wird schön musiziert und (fast noch schöner) gesungen. Die schwedischen Chöre bewirken Wunder an artikulatorischer und intonatorischer Genauigkeit und an klanglicher Durchsichtigkeit. Gleiches gilt auch für die Berliner Philharmoniker, denen Claudio Abbado nicht nur und nicht erst am Tag des Zorns gehörig einheizt. Kontrastvolle Spannungen, große dramatische Kontraste zwischen Äußerlichkeit und Verinnerlichung, Theatralik und Kontemplation lässt Abbado derart nebeneinander stehen, dass es einfach großartige Wirkung macht.
Von einigen Tenor-Marotten abgesehen, singt Roberto Alagna gut, und wenn Angela Gheorghiu die Sopranpartie gibt, muss man gar von überhaupt nichts absehen: so ausdrucksstark, sicher, ausgeglichen und klangschön wirkt ihr Singen. Im direkten Vergleich mit ihr hat es die Mezzosopranistin Daniela Barcellona nicht leicht - doch wo sie ganz alleine agiert, wirkt sie, vor allem dort, wo sie ihre samtig-füllige Tiefe ausspielen kann, überzeugend. Julian Konstantinov schließlich bestätigt seinen Ruf als agiler, sehr fein gestaltender Bass. Hübsch anzusehen ist er zwar auch, doch reicht das als Argument für die visuelle Qualität der DVD leider nicht aus.

Susanne Benda, 18.04.2002



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