Unsensibler Schreihals oder begnadeter Sänger? Hier kann sich der Hörer selbst ein Bild machen vom Können Franco Corellis, einem jener umstrittenen Tenöre, die Verehrung und Verachtung gleichermaßen an sich zogen. Die 1956 in Turin entstandene "Aida" - sie wurde nicht einfach wiederveröffentlicht, sondern vor allem bezüglich der Balance zwischen Sängern und Orchester bearbeitet - präsentiert den 1921 geborenen Corelli in stimmlich noch recht gutem Zustand, und ihm gelingen viele Passagen sehr beeindruckend und ausdruckskräftig, besonders im Duett mit "seiner" Aida, der Sopranistin Maria Curtis Verna. Problematisch und gleichzeitg bezeichnend für Corellis Schwächen hingegen ist der erste Teil der Antrittsarie des Radamès, der einem durch unstete Tongebung und Intonationsschwächen versauert wird.
Maria Curtis Verna ist eine durchaus beeindruckende Aida, die ihre schwierige Partie ohne Frage gekonnter und überzeugender bewältigt als so manche Möchtegern-Heroine unserer Tage. An darstellerischer Kraft bleibt sie ein wenig zurück hinter ihrer Widersacherin Amneris, die von Miriam Pirrazini stimmgewaltig und engagiert interpretiert wird, wenn auch nicht so fesselnd und klangschön, wie dies etwa Fedora Barbieri vermochte (mit Björling und Milanov bei RCA). Giulio Neri schließlich in der Rolle des Ramfis besticht durch die schiere Phonstärke und die dunkle Farbe seiner gewaltigen Stimme, ohne immer das nötige Maß an Differenziertheit bieten zu können.
Bei aller Durchwachsenheit ist diese "Aida" dennoch eine historisch wichtige und musikalisch oftmals recht geschlossene und spannungsreiche Version von Verdis Ägypten-Oper, die dem Liebhaber alter Aufnahmen Freude macht.

Michael Wersin, 16.05.2002



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