Immer Ärger mit der Zensur: Giuseppe Verdi hat es wahrlich nicht leicht gehabt. Gerade seine revolutionäre Gewissenhaftigkeit bei der Vertonung eines Librettos in punkto individuelle Prägung der agierenden Personen und psychologische Exaktheit der dramatischen Verläufe machte seine Partituren so verwundbar im Falle erzwungener tiefgreifender Änderungen. "Un ballo in maschera" hat diesbezüglich eine besonders wechselvolle Geschichte: Das ursprüngliche Libretto, das Antonio Somma nach einem Drama von Eugène Scribe erstellte, handelt vom Attentat auf den Schwedenkönig Gustav III., verübt durch den Vasallen Ankerström. Diesen spektakulären Königsmord, der sich erst 1792 ereignete, wollte man auf der Bühne nicht dulden, und Verdi musste das Stück unter dem neuen Titel "Una vendetta in Dominò" an den Herzogshof von Stettin verlegen. Als Verdi jedoch mit dem Schiff nach Neapel reiste, wo die Oper 1858 uraufgeführt werden sollte, beging Orsini sein Attentat auf Napoleon III. Aus diesem Grund verbot die Zensur auch die umgearbeitete Version und schlug stattdessen die Unterlegung eines ganz anderen Librettos vor, was nach Verdis Ablehnung schließlich die Auflösung des Vertrags für Neapel zur Folge hatte. Verdi versuchte dann sein Glück im scheinbar liberaleren Rom wieder mit der ursprünglichen Textfassung, die von der dortigen Zensur allerdings in "Il conte di Gothenburg" umgearbeitet wurde. Verdi konnte die gravierend Eingriffe in die Struktur nicht akzeptieren, und so einigte man sich darauf, die ganze Handlung nach Boston (!) zu verlegen. So kam es zur heutigen, zweifellos merkwürdigen äußeren Gestalt des “Ballo” - höchste Zeit, die ursprüngliche Fassung zu rekonstruieren. Dieser komplizierten Aufgabe widmeten sich Philip Gosset und Ilaria Narici, und der vorliegende Livemitschnitt von "Gustavo III.", aufgeführt im September 2002 am Göteborger Opernhaus, ist das klingende Ergebnis ihrer Bemühungen. Weder der Rekonstruktionsvorgang noch die einzelnen Abweichungen von der vertrauten "Ballo"-Partitur können in diesem Rahmen näher beschrieben werden; die “neue” Fassung beseitigt allerdings manche Skurrilitäten des gängigen Plots und könnte zum Zweck einer logischeren, wahrhaftigeren Inszenierung der Oper auch für andere Bühnen von Interesse sein. Der vorgelegte Mitschnitt wartet mit beachtlichen bis hervorragenden Sängern auf: Besonders hervorstechend ist sicher die Qualität von Hillevi Martinpelto als Amelia, und auch Carolina Sandgren (Oscar) kann sich hören lassen. Aus diesem Grund und vor allem wegen der historischen Bedeutung der Rekonstruktion kann diese Aufnahme durchaus empfohlen werden.

Michael Wersin, 04.10.2003



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