Arturo Toscanini war, daran kann kein Zweifel bestehen, ein überragender Interpret des Requiems von Giuseppe Verdi; bisher belegte dies vor allem der NBC-Mitschnitt von 1951 (RCA), der allerdings nur eines von zahlreichen New Yorker Dokumentationen dieses Werks unter Toscaninis Leitung ist. Man muss nicht unbedingt mit Beiheft-Autor Harvey Sachs der Überzeugung sein, dass der vorliegende Mitschnitt aus der Carnegie Hall von 1940 dem oben erwähnten auf jeden Fall vorzuziehen sei; allein für sich genommen schon reißt die vorliegende Version die Hörer vom Stuhl. Wer außer Toscanini konnte etwa im "Dies irae" mit Chor und Orchester solche Dramatik entfalten und dabei immer so unbestechlich präzis und klanglich kompakt bleiben? Mit dem NBC Symphony Orchestra und dem Westminster Choir verfügte Toscanini über zwei erstklassige Ensembles, denen er Außergewöhnliches abzuverlangen pflegte. Höchstleistungen vollbringen auch die Solisten, allen voran Jussi Björling, der u. a. im "Ingemisco" 1940 noch mehr aus dem Vollen schöpfen konnte als bei seiner viel gerühmten (insgesamt letzten) Aufnahme von 1960 unter Fritz Reiner (RCA): Wenn auch seine Alkoholsucht bis zum Schluss rein stimmlich erstaunlich wenig Spuren zeitigte, ist sein Vortrag hier doch noch konzentrierter und glühender. Gut macht ihre Sache auch die selbstbewusste Sopranistin Zinka Milanov (sie hielt ihre Stimme erklärtermaßen für die schönste der Welt), wenn ihr auch einige Fehler unterlaufen: So erreicht sie z. B. im "Kyrie" das hohe h deutlich zu früh. Andere, gravierendere Unglücke innerhalb dieser Aufführung, die Harvey Sachs im Beiheft auflistet, verhinderten möglicherweise eine Veröffentlichung zu Lebzeiten des Dirigenten. Für den heutigen Hörer jedoch fallen diese Hand voll Missgeschicke nicht ins Gewicht; er staunt vielmehr über die zeitlose interpretatorische wie auch rein spiel- und singtechnische Brillanz dieser musikalischen Leistung.

Michael Wersin, 28.02.2004



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