"La Bohème", "La Traviata", "Rigoletto", "Tosca", "L’Elisir d’amore", "Macbeth" ... Auch der "Neue" von Virgin muss das äußerlich immer ähnliche Ritual des tenoralen Debüt-Rezitals hinter sich bringen; und beachtliche Aufmerksamkeit, das zeigen Parallel-Fälle der letzten Jahre, würde ihm schon zuteil, wenn er sich dabei nur einigermaßen wacker geschlagen hätte. Rolando Villazón jedoch, der 1972 geborene Mexikaner, lässt auch die Misstrauischeren aufhorchen, denn seine Stimme funktioniert nicht nur praktisch tadellos (abgesehen von einem leichten Kratzen auf einigen Mezza-voce-Tönen), sondern sie hat außerdem ein wirklich ansprechendes, ja immer wieder hinreißend schön sich entfaltendes Timbre. Auf der Grundlage dieser Gaben versteht es Villazón, den Hörer durchaus dauerhaft zu fesseln: In "Che gelida manina" beispielsweise, diesem durch Allgegenwärtigkeit auch unberufener Darbietung etwas sauer gewordenen Dauerbrenner, erwartet man keineswegs nur ungeduldig das hohe C, sondern hört dem feinfühlig die melodischen Linien erkundenden Sänger aufmerksam und gespannt die ganze Arie lang zu. Gleiches gilt für "È la solita storia" mit seinen erheblichen Anforderungen an eine reibungslos auch im Piano funktionierende Übergangslage oder für "Parmi veder le lagrime", wo zwischen leidenschaftlich auszusingenden Bögen immer wieder die kraftvoll-metallische Attacke gefordert ist. Villazón geht diese und die anderen Arien der Anthologie mit einer männlichen, gut im Körper verankerten, zwischen Brust- und Kopfregister eigentlich immer ideal gemischten Stimme an: Nirgends muss er forcieren, nirgends wird er eng, niemals braucht er zu tricksen, um Effekte zu erhaschen oder ungeschickt Begonnenes heil zu Ende zu bringen. Somit hat er den Rücken frei, um sich hier und da schon wirklich kreativ zwischen Tradition und Originalität bewegen zu können. Mehr kann man von einem solchen Debüt wohl kaum erwarten; zu bewähren hat sich Villazón nun im harten sängerischen Alltagsgeschäft, das auch - und gerade - die viel versprechenden Nachwuchstalente nicht schont. Dafür sei ihm von Herzen alles Gute gewünscht.

Michael Wersin, 20.03.2004



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