Geist und Seele wird verwirret - auch die des Hörers der gleichnamigen Kantate BWV 35 in Folge 17 von Ton Koopmans Kantaten-Gesamtaufnahme: Die Gesangssolisten waren ja tendenziell immer schon die Achillesverse dieses Projekts, aber mit der Wahl von Nathalie Stutzmann als Interpretin einer Solokantate hat Koopman nun doch den Vogel abgeschossen; der stockschnupfig-dumpfe Gesang dieser Dame eignet sich wirklich überhaupt nicht zum Transportieren des bei Bach ja doch nicht ganz unwichtigen Textes, und das Timbre ist - nun ja - Geschmackssache. Gut, dass wenigstens in der anderen Alt-Solo-Kantate dieser Folge ("Gott soll allein mein Herze haben" BWV 169) die bewährte Bogna Bartosz zum Einsatz kommt: Auch sie, die einmal mehr durch höchst organische Linienführung glänzt, ist kein Muster an artikulatorischer Prägnanz, aber bei ihr haben die Worte immerhin eine Chance. Seltsam blass bleiben dagegen die Darbietungen von Sandrine Piau, die u. a. mit der Solokantate "Ich bin vergnügt in meinem Glücke" BWV 84 eigentlich ein Paradestück ihr Eigen nennen dürfte - dumm nur, wenn einem dafür das Volumen in der Tiefe fehlt und man sich gleichzeitig in der Höhe immer wieder vornehm zurückhält, dabei außerdem Koloraturen in manieristischer Weise rhythmisch verzieht. Was gibt es Gutes zu berichten? Chor und Orchester brillieren auf dem üblich hohen Niveau, und Ton Koopman hat viel Spaß an den virtuosen Orgel-Solopartien der beiden genannten Alt-Solokantaten. Aber auf Auswahl, Einweisung und Führung der Solisten wurde zu wenig Sorgfalt verwendet, und das ist bei so eminent wortgenerierter Musik unverzeihlich - da eignen sich auch der wie immer vorbildliche Klaus Mertens mit der "Kreuzstabkantate" BWV 56 und Sybilla Rubens in "Selig ist der Mann" BWV 57 nicht als Feigenblatt.

Michael Wersin, 26.02.2005



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