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Giuseppe Verdi, Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti, Giacomo Puccini

Sempre libera

Anna Netrebko, Mahler Chamber Orchestra, Claudio Abbado

DG/Universal 474 800-2
(68 Min., 2/2004, 3/2004) 1 CD

Anna Netrebko, der neue Sterne am Sängerhimmel? Sieht ganz so aus: Ihre Live-Auftritte werden gewöhnlich frenetisch bejubelt, und auch ihre erste CD fand im vergangenen Jahr breite Zustimmung. Schon damals konnte sich der Rezensent der allgemeinen Euphorie nicht anschließen, musste sich vielmehr verwundert fragen, ob denn etwa die stimmtechnischen Probleme von Frau Netrebko, die wohl für den beklagenswerten Mangel an adäquater Gestaltung zumindest mitverantwortlich sind, tatsächlich auch der Fachwelt verborgen geblieben waren.
Die Karriere der Sopranistin entwickelte sich mittlerweile erwartungsgemäß auf glanzvolle Weise weiter, und nun ist schon die zwei CD da. Der Titel "Sempre libera" muss, bezieht man ihn auf Frau Netrebkos stimmliche Präsenz, wie ein schlechter Scherz erscheinen, denn gerade an der auf technischer Vollkommenheit oder zumindest Reife basierenden Freiheit als Grundlage für souveränes Gestalten fehlt es der schönen Russin auch weiterhin. Als Violetta (La Traviata) hat sie auf der Bühne grandios reüssiert, wird berichtet; auf dieser CD hingegen mag sie mit der Szene und Arie aus dem ersten Akt nicht wirklich zu überzeugen: Es fehlt einfach das ekstatische Element in diesem Gesang einer Kurtisane, die sich zum ersten Mal um ihrer selbst Willen geliebt fühlt. Will man hier die Läufe wirklich ausgelassen nach oben jagen, die Spitzentöne wirklich aus überschäumender Lebenslust geboren erleben, dann höre man zum Vergleich etwa Joan Sutherland in der Gesamteinspielung unter Pritchard. Was gibt es weiter zu sagen? "Sempre libera" wagt sich Anna Netrebko nun auch u. a. an Bellinis Sonnambula, dabei dieselben Hürden reißend wie schon als Traviata: In der letzen Szene und Arie der Oper gelingt es ihr zwar, im langsamen “Ah! Non credea mirarti” den Legato-Faden zu halten, aber sie zahlt dafür den Preis gepflegter Langeweile, denn die großen Bögen erwachen nicht zum Leben; ihre Stimme klingt zwar schön, entfaltet sich aber auf Grund eines nicht ganz optimalen Stimmsitzes nicht völlig frei. "Ah! Non giunge uman pensiero", der ausgelassene Schlussteil, klemmt ebenfalls: Wie charmant, wie zauberhaft brachte hier einst die stimmtechnisch wahrlich nicht problemfreie Maria Callas (live 1947 unter Votto) ihr Glück über den unverhofften Wiedergewinn des Bräutigams zum Ausdruck!
Und Puccinis ”O mio babbinio caro”? Nett, ganz nett gesungen, aber geschenkt: Diese beliebte Zugabe vieler Rezitals ist auf Grund der geringen Anforderungen, die sie an die Sängerin stellt, selbst als Vorsinge-Stück bei Prüfungen oder Bewerbungen seit langem tabu.

Michael Wersin, 21.08.2004



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