Eigentlich überraschend, das Kurt Baum sich als Radamès nochmals gemeinsam mit einer Aida namens Maria Callas auf die Bühne gestellt hat - schließlich hatte die Griechin den ehrgeizigen Kraftmeier 1950 in Mexico City auf offner Bühne mit einem nicht in der Partitur stehenden hohen Es effektvoll in seine Schranken verwiesen, nachdem Baum zuvor einige Spitzentöne angeberisch in die Länge gezogen hatte. Zu solchen Extravaganzen kam es bei dieser im Juni 1953 in Covent Garden mitgeschnittenen Aufführung nicht. Es handelt sich um die letzte von drei Aidas mit Starbesetzung in einer bereits seit längerem bestehenden Inszenierung. Der erste der drei Abende war von Publikum und Presse scharf kritisiert worden; zwar besteht keine Vergleichsmöglichkeit mehr, aber die vorliegende Aufführung muss deutlich besser gewesen sein. Der Mitschnitt, der übrigens hier zwar nicht zum ersten Mal, aber in der gewohnt soliden Ausstattung des Labels Testament immerhin auf besonders attraktive Weise veröffentlich wird, krankt an schlechter Aufnahmequalität, von der allerdings einige Chorszenen deutlich stärker betroffen sind als die meisten Szenen der Solisten. Aus dem Rauschen treten ein stimmgewaltiger, sehr solider Kurt Baum als Radamès, eine brillante Giulietta Simionato als Amneris und eine stimmlich wie darstellerisch höchst präsente Maria Callas in der Titelparte markant hervor. Maria Callas, das offenbaren die beiden Originalfotografien auf dem Beiheft-Umschlag, war damals noch keine schlanke Schönheit, sondern ein mehr als babyspeckiger Pfannkuchen mit dem Oberkörper eines Möbelpackers. Ihre Stimme hatte sie noch ziemlich gut im Griff, wenn auch u. a. in "O patria mia", wo sie über weite Strecken mit atemberaubender Delikatesse und fesselnder Intensität agiert, schon verwackelte bzw. nach oben ausbrechende hohe Noten künftige Probleme vorausahnen lassen. In puncto Expressivität fasziniert sie vor allem im dritten Akt in den Duettszenen mit Amonasro (stimmgewaltig, aber teils etwas unsensibel: Jess Walters) und Radamès. Auch am Schluss der Oper bleibt das eingemauerte Paar dem Hörer nichts schuldig, wenn’s da nur nicht wieder verstärkt rauschen würde: Geisterhaft versinken Callas und Baum im akustischen Nebel, als wollten sie die trotz allen Auflehnens die unumstößliche Vergänglichkeit aller irdischen Leistungen demonstrieren.

Michael Wersin, 21.05.2005



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