Vor allem ein Sammlerobjekt für den Andante-Fan ist die vorliegende Falstaff-Box: Sie bietet Toscaninis letzten Falstaff bei den Salzburger Festspielen (er brachte ihn dort 1935 bis 1937 auf die Bühne) und Karajans dortige erste Produktion dieser Oper von 1957. Zwei musikalisch wie auch historisch höchst bedeutsame Versionen, ohne Zweifel; allerdings gibt es Toscaninis Salzburger Falstaff von 1937 schon anderweitig einzeln – und im Vergleich ungleich viel günstiger – auf CD (Aura, Minverva, Grammofono), und die Techniker von Andante haben die alten Selenophon-Bänder nicht so gut restaurieren können, dass man auch nur annähernd von einem unbeschwerten musikalischen Erlebnis sprechen kann; wer den großen Mariano Stabile, der hier in der Titelpartie brilliert, als Falstaff hören will, kann außerdem auf eine leicht unvollständige, aber aufnahmetechnisch wesentlich bessere Version von der römischen Oper aus dem Jahre 1941 unter Serafin zurückgreifen (Music & Arts, übrigens gleichfalls mit Franca Somigli als Alice und Augusta Oltrabella als Nanetta). Die in der Andante-Box enthaltene Karajan-Produktion von 1957 hingegen scheint es immerhin bisher nicht zu geben. Sie weicht allerdings hinsichtlich Besetzung (besonders Tito Gobbi und Rolando Panerai sind in beiden Fällen hervorragende Vertreter der Titelpartie bzw. der Rolle des Ford) und Interpretation kaum von der 1956 eingespielten Studioversion (EMI) ab – wobei die spürbar größere Lebendigkeit, die den hier vermutlich erstmals zugänglich gemachten Live-Mitschnitt auszeichnet, nicht verschwiegen werden soll. Dennoch: Diesmal hat der Wille zur Exklusivität, zur Präsentation von Besonderem und Außergewöhnlichem, mit dem Andante sich – oftmals in durchaus begeisternder Weise – von anderen Labels abhebt, sich ein wenig selbst ad absurdum geführt.

Michael Wersin, 21.07.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top