Endlich liefert Anna Netrebko auf einem Tonträger einmal das, was sie bei Ihren beiden Rezital-CDs weitgehend schuldig geblieben ist: Ein einfühlsames, ja glühendes Rollenporträt; auf offener Bühne tut sie das ja schon immer, wenn man den vielstimmigen Jubelchören ihrer Fans Glauben schenken darf, deren Begeisterung natürlich ohne Zweifel auch immer von der persönlichen Präsenz dieser schönen Frau mitbefeuert wird. Auch bei den Salzburger Festspielen, wo der vorliegende "Traviata"-Mitschnitt dieses Jahr entstanden ist, soll die Netrebko wieder großartig gewesen sein - ob es sich dabei aber insgesamt um das "Wunder von Salzburg" gehandelt haben kann, wie die Fachpresse titelt, das vermag man anhand der CD-Aufnahme dann doch nicht zu entscheiden. Zieht man nämlich die sehr wenigen empfehlenswerten Traviata-Einspielungen zum Vergleich heran, so fällt auf, dass etwa Mirella Freni in der Gardelli-Aufnahme von 1972 (Deutsche Austrophon) stimmlich eindeutig die bessere Figur macht: Von berückender Schönheit etwa ihre große Solo-Szene im ersten Akt, wo sich jugendlicher Charme und Liebreiz aufs Vortrefflichste mit brillanter - schlanker, aber durch gute Fokussierung und perfekte Verankerung im Körper dennoch kraftvoller - Stimmführung vereinen. Anna Netrebko hingegen führt ihre Stimme recht breit, was in der Vollhöhe zu eindrucksvoll großen und vollen, wenngleich auch nicht wirklich flexiblen Tönen führt, in der Mittellage aber eine unüberhörbare Mattigkeit bzw. Blässe nach sich zieht. Zur Traviata mag das passen, es klingt hier und da recht realistisch nach Atemlosigkeit; indes dürfte dieser Effekt wohl kaum bewusst eingesetzt worden sein. Der breite, offene Einsatz der Stimme geht außerdem einher mit einem etwas gaumigen, streckenweise kloßigen Klang - Geschmacksache, ob einem das wirklich richtig gut gefällt. Spitzenmäßig hingegen Rolando Villazón als Alfredo: Schon im Antrittsduett begeistert er durch technisch makellosen Gesang (ein Glück, denn im Interview bekannte er vor einiger Zeit, von Gesangslehrern die Nase voll zu haben) und differenziert-sensible Ausgestaltung seiner Kantilenen. Thomas Hampson als Vater Germont präsentiert sich stimmlich wieder überzeugender als in manchen Opernproduktionen der letzen Jahre: Seine Arie im zweiten Akt gestaltet er (zumindest im ersten Teil) ausgewogener als manche italienische Kollegen: Sesto Bruscantini etwa in der oben erwähnten Gardelli-Einspielung verfügt zwar über eine metallischere hohe Lage als Hampson, agiert aber in der Mittellage eigenartig quallig. Fazit: Eine durchaus mitreißende, lebensnahe Neueinspielung, die die schmale "Traviata"-Diskografie auf jeden Fall bereichert; im Falle von Frau Netrebko aber bleibt der Eindruck des Rezensenten sehr gespalten, was ihr rein stimmtechnisches Können und dessen Auswirkungen auf die Gestaltung der Partie angeht.

Michael Wersin, 26.11.2005



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