Ein sehr guter Chor (die "EuropaChorAkademie", einstudiert von Joshard Daus), ein sehr gutes Orchester (das "Youth Orchestra of the Americas"), eine Menge begabte und hoch motivierte junge Menschen von verschiedenen Kontinenten also, die sich im August 2006 in der Münchner Philharmonie einfanden, um ein so elektrisierendes, fesselndes Werk wie Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" aufzuführen. Der musikalische Leiter: Plácido Domingo, sicher kein überragender Dirigent, aber doch eine integrative Persönlichkeit; er versteht allein durch seine starke Präsenz zu begeistern. Beste Voraussetzungen also für ein großartiges Unternehmen – Konnte da noch etwas misslingen?
Es konnte. Die Crux dieser Veranstaltung: Ein Solistenquartett wurde engagiert, das mit den versammelten chorischen und orchestralen Kräften, die ihren Part wirklich glänzend abliefern, überhaupt nicht mithalten kann. In gravierendster Weise trifft dies auf den Tenor Marco Berti zu, der nichts weiter als eine Karikatur seiner freilich höchst fordernden Partie abliefert. Mit angestrengter, technisch schlecht geführter Stimme stemmt und schwitzt der Mann sich durch das Werk, Unsicherheit und Panik stehen ihm häufig ins Gesicht geschrieben, was die Kamera gnadenlos festhält. Allein die Aufregung in der Konzertsituation kann hierfür nicht verantwortlich sein: Der im Bonusmaterial mitgelieferte Klavierprobenausschnitt klingt fast noch schlimmer. Die Höhe fest und eng, die Übergangslage hilflos unfokussiert und matt, dadurch grauenhaft unsauber – wie konnte Plácido Domingo als Dirigent eine solche Leistung gerade in seinem eigenen Fach akzeptieren? Nicht viel besser ist es um die Sopranlage bestellt: Cristina Gallardo-Domâs, einstige Hoffnungsträgerin von Warner Music und bedauerlicherweise Harnoncourts "Aida" in dessen Gesamteinspielung der Oper, bietet groteskes Grimassenspiel bei bescheidenstem Klangergebnis. Die Stimme tremoliert bedenklich, Registerprobleme werden nur durch massives Abdunkeln bewältigt. In puncto Grimassieren steht ihr die Mezzosopranistin Fredrika Brillembourg in nichts nach: Angesichts so jammervoller Mimik mag man sich auf gut bayerisch fragen "Is des ihr Requiem-G’schau?". Immerhin stimmt bei ihr wenigstens der akustische Output – und in der CD-Version dieses Konzerts ist Frau Brillembourg der Crack der Produktion, dicht gefolgt von dem Bassisten Ildar Abdrazákov: Zumindest ist sein Stimmmaterial grandios voluminös. Zwar fehlt ihm bei Weitem die Präsenz und Aussagekraft eines Talvela oder Ghiaurov in dieser Partie, und seine Stimme ist so dunkel geführt, dass man sich gelegentlich an eine zu langsam laufende Schallplatte erinnert fühlt, aber immerhin weist seine Darbietung keine groben Mängel auf.
Beobachtet man diese Sänger bei ihren gewaltigen körperlichen Anstrengungen, die sie unternehmen, um ihre Töne in diesem Requiemspektakel abzuliefern, dann kann man durchaus auf prinzipielle Fragen stoßen: Für welche Sänger ist das Stück eigentlich komponiert? Nicht für diese offenbar. Was machen solche Sänger, wenn sie nicht in München das Verdirequiem geben dürfen? Nun, Frau Gallardo-Domâs z. B. scheint gut im Geschäft zu sein: Sie gastiert u. a. häufig an der Met, öfters unter Domingos Stabführung übrigens. Von Marco Berti wissen wir nichts: Seine Internetseite ist noch "in construzione". Wenn er so fortfährt, wird er sie nicht mehr brauchen. Insgesamt schockieren die Diskrepanzen dieser Produktion: Engagierte junge Menschen aus aller Welt bilden einen großartigen chorischen und instrumentalern Klangkörper, und große Stars reisen an, um diese Leistung zu konterkarieren. So stellen sich Kulturskeptiker das Klassikbusiness vor, und genauso funktioniert es viel zu oft. "Schade, wegen der Solisten kann ich die DVD in der Schule unmöglich verwenden", sagt die Frau des Autors dieser Zeilen, eine gymnasiale Musiklehrerin. Die Schüler würden ihre schlimmsten Klischees in puncto Klassik bestätigt finden und mit dieser Darbietung auch gleich das Werk in Spott versinken lassen – zu Recht. Mit solchen Produkten wird man den gefährlichen Sinkflug der klassischen Musik nicht aufhalten.

Michael Wersin, 24.03.2007



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