"Bel riposo de'mortali" ist eine dieser Arien, bei denen einem der Atem stockt. In der Innigkeit und Abgründigkeit mit seligmachender Sanftheit verbunden wird zu einem Psychogramm der Titelfigur, das in dieser musikalischen Dimension jedem Verfallsdatum spottet. Besonders dann, wenn darauf eine eher knackig-stereotype "Sinfonia" folgt, für die Vivaldi immerhin kleine Filetstücke aus seinem "Jahreszeiten"-Zyklus wiederverwertet hat.
Mit solchen überraschenden Farbtupfern ist zwar das 1724 komponierte Reifewerk "Il giustino" nicht unbedingt inflationär gesegnet, dafür bewies Vivaldi während seines Rom-Aufenthaltes, dass sein Handwerkszeug aus rhythmischen Kontrasten, melodiöser Kultiviertheit und tänzerischer Energie selbst ein fettleibiges Historien- und Heroendrama erfolgreich entschlacken konnte.
Nach der Wiederentdeckung dieses Verwirrspiels um Liebe und Politik am Hofe Konstantinopels vor zwanzig Jahren legt Alan Curtis jetzt die Ersteinspielung vor. Curtis befolgt weder die Partitur buchstabengetreu noch die Uraufführungspraxis. Die Partien, die Vivaldi für die Kastraten-Stars seiner Zeit mit dem notwendigen Glamour dekorierte, werden von Sopranen und Mezzosopranen bewältigt - und nicht gestaltet oder gar auf entrückte Herzen und funkensprühende Nervenenden geprüft, was die erste Enttäuschung dieser Aufnahme ist.
Das Brodeln ist reine Äußerlichkeit, Dramatik verwandelt sich nicht in Drastik, sondern schlägt um in ein schon fast als indisponiert zu bezeichnendes Zittern und Klimpern, das die Solistinnen in Timbre, Form und vor allem in den quälenden Register-Sprüngen bieten. Bis hinein in ein Kleinod wie die dunkelgefärbte Arie "Sento in seno" von Marina Comparato als Anastasio, bei dem selbst Curtis die federleichte Pizzicato-Begleitung entgleitet - zu einer blutleeren Etüde. Bei diesem Mitschnitt stockt einem der Atem - aber leider nicht wegen Vivaldis effektreichen Geheimnissen.

Guido Fischer, 27.06.2002



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