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Antonio Vivaldi

Laudate pueri, In turbato mare irato, In furore, O qui coeli

Patrizia Ciofi, Europa Galante, Fabio Biondi

Virgin/EMI 545 704 2
(62 Min., 9/2003) 1 CD

Die abendländische Musikgeschichte wird immer länger, und neben der vergleichsweise geringen Präsenz zeitgenössischer Musik blüht der "museale" Konzertbetrieb, der das Repertoire vergangener Jahrhunderte immer umfangreicher in die Gegenwart holt. Als der musikalische Historismus im 20. Jahrhundert an aufführungspraktische Grenzen stieß, bildete sich eine Originalklang-Szene heraus, deren Protagonisten auf immer höherem Niveau die Alte Musik mit möglichst authentischen Mitteln neu erleben ließen. Konventionell und historisierend arbeitende Künstler bildeten zunächst zwei getrennte Lager, und wer Alte Musik machte, spezialisierte sich auf Renaissance, Barock und ein bisschen Klassik. Diese in mancher Hinsicht bestimmt recht sinnvolle Beschränkung kommt mehr und mehr aus der Mode: Man möchte heute wieder ein möglichst bereites Spektrum abdecken und, als Sänger etwa, auf große Opernabende nicht verzichten und sich dennoch ab und zu auch gemeinsam mit Truhenörgelchen und Gambe in einer Kirche hören lassen. Wenn das man gut geht, denkt sich so mancher Musikhörer: Gleichzeitig Puccinis Mimì und Monteverdis Euridice, gleichzeitig Violetta Valéry und Vivaldi-Muse im venezianischen Ospedale della Pietà sein - lässt sich das bewältigen?
Die 1967 geborene Sopranistin Patrizia Ciofi versucht es, und es gelingt ihr vor dem beschriebenen Hintergrund mit beachtlichem Ergebnis: Ihre Stimme funktioniert doch offenbar ganz gut, die Koloraturen laufen, und Verständigungsprobleme mit Fabio Biondi und seinen historisierend musizierenden Instrumentalisten scheint es nicht gegeben zu haben. Hört man genauer hin, irritiert zunächst vielleicht die eine oder andere unorganische Atemzäsur. Dann fällt immer wieder die Verfärbung besonders des Vokals A auf, wenn sich etwa eine Koloratur aus der tieferen Mittellage in die Höhe schraubt: Auf kräftige, offene, aber oft nicht ganz druckfreie Brusttöne folgt eine recht gedeckte, matte Übergangslage. Ebenfalls wohl aus technischen Gründen geraten Nebensilben zu eng ("Laudateee", "Ameeen"). Um Missverständnissen vorzubeugen: Frau Ciofi verfügt über eine schön timbrierte Stimme und bewegt sich beachtlich behände durch das mörderische Passagenwerk von Vivaldis Solomotetten. Aber es gibt Sängerinnen, die auf diesem Gebiet mehr zu Hause sind und insgesamt homogenere, durch größere Erfahrung souveränere und dadurch letztlich aufregendere Interpretationen virtuoser barocker Vokalmusik zu bieten in der Lage sind.

Michael Wersin, 22.12.2004



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