Karneval ist fast erlaubt. Das dachte sich wohl auch Antonio Vivaldi 1735, als er für das Theater in Verona seine Oper "Bajazet" plante. Nicht, dass der rote Priester den damals äußerst populären Stoff, der es neben der bedeutenden Händel-Version auf rund fünfzig Vertonungen brachte, mit parodistisch gespitzter Feder angegangen wäre. Und auch den beiden Imperatoren Bajazet und Tamerlano, die sich in einer grausamen Schlacht im Jahr 1402 nichts geschenkt hatten, verpasste Vivaldi nachträglich kein Fratzengesicht mit langer Nase. Vivaldi spielte lieber seine reich erprobte Collagekunst aus, um aus der Distanz einer ganzen Komponistenschule einen kleinen Nackenschlag zu versetzen. Aus dem fernen Neapel befanden sich immerhin die Alessandro Scarlattis so sehr auf dem Vormarsch, dass selbst Venedig keinen Platz mehr für Vivaldi bot. In dem Opern-Pasticcio "Bajazet" rächt Vivaldi sich dafür symbolisch, indem er Arien der Neapolitaner Hasse und Giacomelli der grausamen Seite um Tamerlano in die Kehlen steckt. Seinen hier weiser gezeichneten Alter Ego Bajazet hingegen charakterisiert Vivaldi mit eigenen neuen und alten Einfällen.
Der Weltersteinspielung von Fabio Biondi und Europa Galante hört man jedoch den Patchwork-Schnittbogen nicht an. Vielmehr sorgt Biondi mit seinem untrüglichen Gefühl für das Impulsive, Drängende, Brisante, Innige, Zitternde und Dramatische dafür, dass der Ariadnefaden quer durch diesen Dreiakter in ständiger Spannung bleibt. Zur Seite springt ihm dabei ein Sänger-Ensemble, das in seiner jugendlichen Ausstrahlung, exzellenten Stimmendisposition und reifen Darstellungskraft kaum besser zu besetzen wäre. Weshalb es auch eine mehr als nur gute Idee gewesen ist, jeden einzelnen Sänger auf einer Bonus-DVD bei der Probe zu beobachten - bei der zumindest vor laufender Kamera selbst die klippenreichsten Koloraturen ohne einen einzigen Schweißtropfen bewältigt wurden.

Guido Fischer, 07.05.2005



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