Das Autograf seiner Oper "Tito Manlio" beendete Antonio Vivaldi mit den Worten: "Musica del Vivaldi fatta in 5 giorni" - "Musik von Vivaldi, in fünf Tagen komponiert". Doch trotz - oder gerade wegen - dieses enormen Arbeitstempos ist das Werk nicht nur aus einem brillanten und dramatischen Guss. Es enthält ariose Filetstücke, die es in den letzten Jahren in prominente Kehlen schafften. Das barock groovende "Orribile lo scempio" hat schon der russische Bariton Dmitri Hvorostovsky gestemmt, während sich der Countertenor Philippe Jaroussky dem "Di verdi ulivo" und Cecilia Bartoli der Arie "Non ti lusinghi la crudeltade" angenommen haben. Aber selbst ohne diese wirkungsvollen Ohrenschmeichler wäre "Tito Manlio" immer noch ein Füllhorn an vokalen und instrumentalen Ideen, die Vivaldi da aus der Feder gesprudelt sind, als er zwischen 1718 und 1720 in Mantua weilte und den Respekt des regierenden Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt genoss. Ganz unbekannt ist diese Oper auf dem Schallplattenmarkt nicht. Mit der Neuaufnahme, die sich auf die von den Turiner Vivaldi-Musikologen aufgefrischte Partitur bezieht, hält man dennoch eine Art Weltersteinspielung in den Händen, weil das homogen zusammengestellte Ensemble um Dirigent Ottavio Dantone mit einer modernen Auffassung an die historische Aufführungspraxis herangegangen ist.
Die Accademia Bizantina, die durch die Zusammenarbeit mit Andreas Scholl bekannt geworden ist, spielt nicht mit dünnem Akademiker-Atem auf, sondern wirft sich mit voller Brust in die Attacken und auf die fesselnden Innenspannungen. Und bis in die Nebenrollen sind die Sänger makellos in Form. Angefangen beim packend beweglichen Bassbariton Nicola Ulivieri in der Titelrolle über die bis ins Feinnervige farbenreich agierende Sopranistin Karina Gauvin bis hin zu der Altistin Marijana Mijanovič mit ihrem markant schattenhaft-tragischen Timbre. Und obwohl das Libretto eher ein konventionelles Historiendrama um königliche Milde und politisch motivierte Liebeskämpfe ist, bleibt man selbst bei den Rezitativen hellwach. Was für den Schaffensrausch Vivaldis und zugleich für das Niveau dieser Aufnahme spricht.

Guido Fischer, 10.02.2006



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