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Carl Maria von Weber

Der Freischütz

Elisabeth Grümmer, Rita Streich, Hans Hopf u.a., WDR Rundfunkchor, Erich Kleiber

Koch/Schwann 3-1642-2
(125 Min., 1955) 2 CDs

Grusicals aus englischsprachiger Produktion à la "Phantom of the Opera" brauchten wir eigentlich nicht, denn wir haben ja den "Freischütz", oft als "deutscheste aller Opern" bezeichnet, mit der berühmten Wolfsschlucht-Szene. Hier wird der deutsche Wald zum Horrorszenario: Es stürmt, blitzt und donnert, wild gewordene Eber preschen vorbei, und in der bedrohlichen Figur des Samiel personifizieren sich dämonische Kräfte der Natur. Als der "Freischütz" 1822 erstmals in Wien aufgeführt wurde, wurde diese Szene von der Zensur gestrichen, weil man befürchtete, empfindliche Gemüter könnten Schaden nehmen.
Ein wenig von der Spannung, die der Opernbesucher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt haben mag, lässt der effektvolle Hörspielcharakter dieser 1955 entstandenen Kölner Rundfunkproduktion auch den heutigen Hörer noch empfinden: Die zahlreichen Dialoge werden von professionellen Sprechern (nicht von den Sängern) vorgetragen, und sie entfalten sich nicht auf dem akustischen Hintergrund eines Bühnenraums, sondern erlangen eindringliche Nähe zum Zuhörer.
Unter den Gesangssolisten stechen vor allem die beiden weiblichen Hauptrollen hervor: Rita Streich als Ännchen und Elisabeth Grümmer als Agathe. Streich bezaubert durch leichte, glockenreine Tongebung; leider konnte sie wegen Erkrankung ihre Szene "Einst träumte meiner sel‘gen Base" nicht mehr aufnehmen, sie fehlt ersatzlos. Grümmer fasziniert in der großen Szene "Leise, leise" durch technische Souveränität und wohlüberlegten dynamischen Aufbau der langen Solonummer.
Hans Hopfs Max beeindruckt durch Kraft und perfektes Funktionieren seiner durchgebildeten Stimme, wenn man auch eher einen vierzigjährigen Heldentenor mit zusammengekniffenen Pobacken hört als einen irregeleiteten jungen Jägerburschen. Hier ist es wieder, das deutsche Ideal, passend zur "deutschesten" aller Opern. Abgesehen von diesem stimmgewaltigen, aber leicht angegrauten Helden - und einigen Unsauberkeiten der Bläser vor allem in der Ouvertüre - gibt es aber an dieser fabelhaften Aufnahme nichts auszusetzen.

Michael Wersin, 30.11.2000



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