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Johann Pachelbel

Christ lag in Todesbanden

Chœur de Chambre de Namur, Les Agrémens, Jean Tubéry

Ricercar/Note 1 RIC 255
(61 Min., 10/2006) 1 CD

Man kann nicht behaupten, dass der Nürnberger Weinhändler-Sprössling und spätere St.-Sebald-Organist Johann Pachelbel (1653-1706) mit seiner Musik in unseren Tagen eine bedeutende Rolle spielt – abgesehen lediglich von seinem Kanon oder zumindest von dessen prägnanter Basslinie in (gar nicht besonders außergewöhnlichen) Romanesca-Quartgängen. Aber Pachelbels geistliche Vokalmusik fristet, hauptsächlich durch Einzelsätze innerhalb von Sammelbänden für Kirchenchöre repräsentiert, eher ein bescheidenes Dasein, und seine Orgelmusik erscheint vor allem in Orgelschulen als Vorstufe, die es auf dem Weg zu Bachs großen Werken zu absolvieren gilt. Wegbereitend gewesen zu sein für den großen Johann Sebastian: Darin besteht seit langer Zeit das Schicksal weiter Teile des frühbarocken Musikrepertoires; selbstverständlich entsteht dieses Urteil durch eine verzerrte Sichtweise aus historisch viel späterer Perspektive.
Erfahrene Spezialisten wie der französische Ensembleleiter Jean Tubéry sind indes mittels ihrer überzeugenden Interpretationen von Musik aus dem 17. Jahrhundert inzwischen in der Lage, Vorurteile wie das oben genannte mehr und mehr zu entkräften. Die vorliegende CD mit Kantaten und Orgelmusik aus der Feder Pachelbels dokumentiert diese wichtige künstlerische Arbeit auf hervorragende Weise. Aus der Fülle ihres hervorragenden Könnens und ihrer grundlegenden Stilvertrautheit heraus gelingt es Tubéry und seinen Ensembles, sowohl den hohen sinnlichen Reiz als auch die staunenswerte satztechnische Vollkommenheit und darüber hinaus das gemeinsame Einstehen dieser Parameter für eine umfassende Allianz von theologischer Aussage und musikalischer Gestalt zur Freude des Hörers erlebbar zu machen. Anhand der im Beiheft abgedruckten sechs Strophen des protestantischen Chorals "Was Gott tut, das ist wohlgetan" etwa (heutige Gesangbücher bieten nur noch drei oder vier Strophen dieses Liedes) lässt sich verfolgen, wie punktegenau Pachelbel das weite Bedeutungsspektrum dieses Textes sowohl in einer Choralkantate für Sänger, Streicher und Continuo als auch in einer Orgelpartita zur Grundlage für eine überaus vielfältige musikalische Ausgestaltung zu machen versteht: Vor dem Hintergrund der zuversichtlichen Freude über Gottes Heilshandeln werden hier nämlich auch die dunklen Seiten und Bitternisse des menschlichen Lebens thematisiert, die der Gläubige im Sinne des Kreuzesnachfolge-Gedankens auf sich zu nehmen hat. Teils geradezu exzessive Chromatik kommt in diesem Zusammenhang zur Anwendung, ohne dass dabei die frohgemute, friedvolle Choralmelodie jemals aus den Augen verloren würde.
Die Freude an Tubérys Interpretationsleistung entzündet sich vor allem an der homogenen und organischen Gesamtleistung seines Klangkörpers; wo hingegen Vokalsolisten zum Einsatz kommen, trübt sich das Bild gelegentlich, denn nicht alle Beteiligten verfügen über die nötigen stimmlichen Mittel für eine vollkommen begeisternde Darbietung. Nun spielen Vokalsoli in dieser Musik freilich keine gleichermaßen zentrale Bedeutung wie etwa in den Werken Johann Sebastian Bachs; daher ist man geneigt, kleinere Mängel in diesem Bereich in Kauf zu nehmen und vor allem die differenzierte Klangschönheit der perfekt aufeinander eingespielten Ensembles zu genießen.

Michael Wersin, 14.12.2007



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