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William Byrd

My Ladye Nevells Booke

Elizabeth Farr

Naxos 8.57 0139-41
(225 Min., 8/2006) 3 CDs

Satt und warm werden da die Akkorde zerlegt, zerrieben, werden sie gedankenvoll mit herrlichsten Verzierungen umspielt. Und zwischendurch taucht in diesem knapp siebenminütigen Kunstwerk eine verlockend-schöne Melodie-Initiale auf. Als Sahnehäubchen auf diese Metamorphose von Musik. Allein dafür hätte sich eigentlich Elizabeth Nevell vor William Byrd auf die Knie werfen müssen, um diesem Fürsten der altenglischen Virginalmusik zu danken. Doch Byrd hatte nach dem Cembalostück "My Ladye Nevells Grownde" noch Weiteres im Sinn. Genauer: Es sollten 41 Stücke für die scheinbar hochtalentierte Cembalistin folgen. Galliarden und Pavanen, kleine Märsche und lautmalerische Charakterstücke. 1591 erschien diese Sammlung unter dem Titel "My Ladye Nevells Booke" in einer ledergebundenen und reich dekorierten Luxusausgabe. Und seitdem gilt dieses Konvolut als eines der wertvollsten Dokumente der Elisabethanischen Musik. An Einspielungen, die sich auf Ausschnitte kapriziert haben, mangelt es einerseits nicht, hatte sich ja gar ein Glenn Gould als Fan dieses Goldenen Zeitalters geoutet. Wer aber die Gesamtaufnahme der in den USA lehrenden Cembalistin Elizabeth Farr nur ein einziges Mal genossen hat, der muss ab sofort jedes Byrd-Potpourri als Sakrileg empfinden.
Die erst unlängst für ihre Rehabilitierung des Cembaloschaffens von Elisabeth-Claude Jacquet de La Guerre ausgezeichnete Farr gehört zu der raren Spezies jener Interpreten, die bei aller historischen Ausrichtung über einen sprechenden Vortragsstil verfügt. Zwischen scheinbarer Unbekümmertheit und deklamatorisch-madrigalesker Tiefe ist sie mit einem ausgeprägten Stilbewusstsein bei der Sache, um den harmonischen, melodischen und rhythmischen Modellen hochkonzentriert bis in die kontrapunktischen Figurationen hinein den wahren Puls zu fühlen. Und weil jedes der 42 Stücke ein ganz eigenes Innenleben besitzt, hat Elizabeth Farr sich den entsprechend passenden Instrumentenpark zusammengestellt: von einem rekonstruierten Lautenwerk über ein einmaliges Cembalo von Jerome de Zentis bis zu zwei Ruckers-Repliken. Dass dieser Aufwand sich gelohnt hat, belegt aber schon das Glücksgefühl, das einen beim Hören erfüllt.

Guido Fischer, 14.12.2007



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