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Florent Schmitt

Psaume XLVII u.a.

BBC National Orchestra of Wales, BBC National Chorus of Wales, Thierry Fischer

Hyperion/Codaex CDA 67599
(78 Min., 10/2006) 1 CD

Wer die französische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu kennen glaubt und Florent Schmitt (1870-1958) bisher ausgespart hat, der höre diese CD: Der Fauréschüler, Strawinskybewunderer und Rompreisträger Schmitt bedient sich eines "dyonisischen" (so sehr treffend der Autor des Beihefttextes) Tonfalls ganz eigenwilliger Art, der sich vom verbreiteten nachromantisch-eleganten Idiom jener Zeit deutlich absetzt. Zu erleben ist dies besonders im "Psaume XLVII" op. 38 (1904), einer sehr ungewöhnlichen, im Ausdruck gegen den Strich gebürsteten Psalmvertonung mit verfremdend orientalischen Elementen: Getreu der im Psalmtext enthaltenen Aufforderung "Ihr Völker alle, klatscht in die Hände" stimmt Schmitt hier einen Jubel wahrhaft heidnischen Charakters an; es tobt und stampft nur so in dieser harmonisch reichen, durch übermäßige Dreiklänge aufgerauten Musik. Mit den exstatischen Elementen dieser Musik ist der "BBC National Chorus of Wales" in der vorliegenden Aufnahme, an sich ein mehr als passables Ensemble, übrigens gelegentlich ein wenig überfordert und lässt sich hier und da zu haltlosem Skandieren hinreißen.
Schmitts "Tragédie du Salomé" op. 50 (1909), eine rein instrumentale Ballettmusik zu einem Stück von Robert d’Humières, ist u. a. auch literaturhistorisch von Interesse: Die Salomé-Story, so wie wir sie heute vor allem aus Strauss’ gleichnamiger Oper kennen, gründet nämlich in einem Theaterstück von Oscar Wilde, der die in dieser Form nicht-biblische Figur der Salomé mit ihren verzerrten erotischen Neigungen zu Jochanaan (Johannes dem Täufer) ins Zentrum rückt. D’Humières versuchte als Antwort auf Wilde, Salomé partiell zu exkulpieren und ihr eine Opferrolle zuzuschreiben; er lässt sie, die zunächst von ihrer Mutter zum Tanzen gezwungen wurde, an ihrer Schuld irre werden. Florent Schmitt lieferte zu diesem Szenario die passende aufwühlende Musik, vom BBC National Orchestra of Wales unter Leitung von Thierry Fischer auf dieser CD tadellos zu Gehör gebracht.
Dass Schmitt und seine Musik bis heute nicht gerade im Zentrum des Interesses stehen, hat übrigens durchaus Gründe: Sein rüpelhaftes Verhalten z. B. bei Konzerten, in deren Verlauf er sich manchmal lautstark einmischte, schädigte seinen Ruf empfindlich; schlimmer noch wiegt allerdings, dass er sich vor den Karren einer Kontra-Kurt-Weill-Demonstration mit antisemitischen Zügen spannen ließ und außerdem später Auszeichnungen von der Regierung Marschall Pétains annahm. Diese geschmacklosen Ausreißer hat man ihm im Nachkriegsfrankreich verständlicherweise nicht verziehen.

Michael Wersin, 14.12.2007



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