Mit einer fast klaustrophobisch wirkenden Reduktion stemmte sich Regisseurin Ruth Berghaus 1993 gegen jeden Anflug von Klischee, von Folklore und Volkstümelei. Für ihre Inszenierung von Webers "Der Freischütz" am Züricher Opernhaus ließ sie sich daher von Hartmut Meyer eine entsprechend karge, geometrische Bühne bauen, die in ihrer Architektursprache an Daniel Libeskind oder Zaha Hadid erinnert. Der Wald ist komplett abgeholzt, die Wolfsschlucht eine gefährlich glatte, schiefe Ebene. Und an den monströsen Wänden in ihren schillernd-düsteren Farben ist längst kein Wildschwein mehr entlang geflitzt. Denn dieser "Freischütz" ist eine einzige, schauerliche Phantasmagorie, ein seelenloser Spuk. Der Walzer wird zum Marionettentanz, während der Chor als schwarze Masse Mensch die Flinte auch schon mal ins Publikum hält. Nur Max, dieser nickelbebrillte Intellektuelle, sowie Agathe als kindliches Hascherl in Gelb wirken wie schnell hineingeworfene Tupfer in diesem Endzeitdrama. Das jedoch in seiner radikalen Bewegungslosigkeit, mit den stets nur angedeuteten Abrechnungen mit (deutschen) Mythen schnell erlahmt und ermüdet.
Sechs Jahre nach der Premiere entstand der Mitschnitt der Wiederaufnahme. Mit einem Nikolaus Harnoncourt am Pult, der erst recht mit seiner Studio-Einspielung des "Freischütz" von 1995 gezeigt hat, was für Zugkräfte in spröden Hörnern stecken und welche scharfe Kanten die Streicher haben können. Das musikdramatische Konfliktpotential ist bei Harnoncourt in Zürich schlicht mit den Händen zu greifen. Ganz anders das Sänger-Ensemble. Bis auf den makellos leuchtenden Sopran von Malin Hartelius als Ännchen ist das Niveau durchschnittlich bis erstaunlich bitter. Gerade Inga Nielsen als Agathe scheint regelrecht überfordert und verunsichert, was gleichermaßen für Werner Gröschel als Kuno gilt. Und Peter Seiffert als Max und Matti Salminen als Kaspar geben sich mit Solidität zufrieden.

Guido Fischer, 22.12.2004



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