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Hugo Wolf

Lieder & Orchesterwerke

Dietrich Fischer-Dieskau, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Gerald Moore

EMI 562 188 2
(72 Min., 1952 - 1996) 7 CDs

Faszinierender Höhenflug des deutschsprachigen romantischen Klavierliedes: Im wesentlichen nur eine Dekade währte Hugo Wolfs eruptives kompositorisches Schaffen, und es entfaltete sich weitestgehend auf dem Gebiet jener intimen Gattung. Seine schier vollkommenen Kleinode sind bis heute Prüf- und Meilenstein im Werdegang jedes Liedinterpreten; sie fordern vom Sänger wie vom Begleiter ein Höchstmaß an Gestaltungskraft, technischer Perfektion und Kultur des inspirierten Miteinanders. Als Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore Anfang der Fünfziger Jahre ihre gemeinsame Schallplatten-Karriere begannen, wurden sie augenblicklich zum Glücksfall der Interpretationsgeschichte: Moore brachte ein Vierteljahrhundert an Erfahrung ein, er hatte mit den Größten jener Tage unermüdlich gearbeitet und war selbst schon zur Begleiter-Legende geworden. Fischer-Dieskau zeichnete sich aus durch einzigartige Disziplin, Zielstrebigkeit und Wissbegierde, dazu durch ein noch unverbrauchtes Stimmmaterial erster Güte.
Aus heutiger Sicht gerät sein Gesang immer häufiger ins Kreuzfeuer der Kritik: Hat er nicht Raubbau betrieben mit seinen Ressourcen, hat er seine schon bald einsetzende stimmliche Müdigkeit nicht kompensiert durch allzu großes Strapazieren der sprachlichen Ebene? Nur schwer ist es zu ertragen, wenn er in späteren Aufnahmen dazu neigt, die "Darstellung einer Darstellung" abzuliefern und mittels der bisweilen unorganischen Deklamation des Textes die Musik zu dirigieren. Tendenzen dazu kann man, sofern man die "Fortsetzung" kennt, auch schon in seinen frühen Aufnahmen ausmachen. All diesen Einwänden zum Trotz sei hier jedoch ganz entschieden eine Lanze für Fischer-Dieskau gebrochen: Was sich auf den sieben CDs dieser Hugo-Wolf-Box findet, ist so leicht nicht zu übertreffen.
Von den Liedern nach Gedichten von Mörike, aufgenommen 1957, muss wohl am wenigsten berichtet werden; sie waren am längsten auf dem Markt erhältlich, zuletzt auch auf CD. Den Zauber der "Christblume I" oder die schauerliche Eindringlichkeit des "Feuerreiters" in Fischer-Dieskaus und Moores Interpretation hat daher sicher schon so mancher Lied-Liebhaber für sich entdeckt. Erstmals auf CD erhältlich ist aber der größte Teil der anderen enthaltenen Aufnahmen, die für den 100. Geburtstag Wolfs im Jahr 1960 produziert worden waren und spätestens in den Siebzigern für lange Zeit vom Markt verschwanden. Der Kenner der Mörike-Einspielungen darf sich also freuen auf ähnlich qualifizierte, vielfach höchst fesselnde Darbietungen der Lieder nach Goethe, Eichendorff und anderen Dichtern sowie der Männer-Lieder des Spanischen Liederbuchs. Ergänzt wird die opulente Sammlung durch das 1965/66 eingespielte Italienische Liederbuch (ohne Elisabeth Schwarzkopfs Anteil), einige 1952 in Mono produzierte Titel sowie diverse Orchester-Werke Wolfs, gespielt 1996 vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Leitung von Dietrich Fischer-Dieskau. Eine bedeutende editorische Leistung, die hoffentlich ihre verdiente Anerkennung findet!

Michael Wersin, 22.03.2003



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