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Johann Sebastian Bach

Concerts avec plusieurs instruments III

Café Zimmermann

Alpha/Note 1 071
(70 Min., 8/2004) 1 CD

Ja, sie sind brillant, die Musiker des Ensembles Café Zimmermann, sie sind überaus virtuos und spieltechnisch über (fast) jeden Zweifel erhaben. Im dritten Teil ihrer Gesamteinspielung aller Instrumentalkonzerte Johann Sebastian Bachs liefern sie u. a. eine feurige Einspielung des vierten Brandenburgischen, in dessen erstem Satz die charakteristischen Akkordbrechungen, so sauber und schnell, wie sie hier gespielt werden, quasi bewegte Klangflächen entstehen lassen. Besonders homogen und ebenmäßig agieren die beiden Blockflöten, deren Sound zu einem Strom von Milch und Honig zusammenzufließen scheint ... Man kann ins Schwärmen geraten über diese CD, man möchte gelegentlich vom Stuhl aufspringen und ist immer wieder zutiefst bewegt über soviel künstlerische Souveränität, wie von diesen Musikern aufgeboten wird. Werden nicht durch die raschen Tempi und den nahezu völlig schlackenfreien Vortrag affektive Gesten möglich, die der Hörer als unmittelbar einleuchtend begrüßt, weil sie offensichtlich in dieser Musik vorhanden sind, ohne dass man sie so vorher wahrgenommen hat?
Und dennoch: Wir wissen, dass speziell die Musik von Bach, wohl aufgrund der Unbestechlichkeit ihres Innenlebens, aufgrund der praktisch perfekten Ausgewogenheit des Miteinanders ihrer Zutaten auf allen Ebenen ein ungewöhnlich breites Spektrum an unterschiedlichsten interpretatorischen Verwirklichungen erträgt. Auch bei den Aufnahmen, sagen wir, Karl Richters sind einst Hörer, teilweise sicher dieselben wie die von der vorliegenden CD begeisterten, vom Stuhl aufgesprungen und waren bewegt von solch feurigem Musikantentum. Das spricht selbstverständlich nicht per se gegen die Einspielungen von Café Zimmermann, aber es offenbart die "Gutwilligkeit" dieser Musik auch gegenüber Darbietungen, die sich in einzelnen Kategorien eindeutig weit abseits vom "Original" bewegen: Richter etwa verwendete nicht nur "moderne" Instrumente, sondern ließ sie auch von Musikern spielen, die ihre Erfahrungen auf der Basis einer "romantischen" Art der Interpretation gewonnen hatten - man lausche etwa Aurèle Nicolets Querflötenspiel in der Orchestersuite h-Moll und vergleiche es mit dem der fantastischen Traversflötistin Diana Baroni auf dieser CD. Oder, anderes Beispiel: Haben wir nicht Jacques Loussiers jazzige Version der Inventionen für Klavier genossen, weil sie zu belegen scheinen, das Bach irgendwie auch jazzig war? Dies kommt einem in den Sinn, wenn man die Continuogruppe von Café Zimmermann mit Walking-Bass-Feeling durch die Partituren pflügen hört: Das hätte Ray Brown nicht besser machen können. Aber wenn Bach wohl auch ein temperamentvoller Mann war, ein Jazzer war er sicher nicht, und wahrscheinlich ist er nicht am Cembalo so druckvoll vorangefetzt.
Man freue sich also an dieser Aufnahme, springe vom Stuhl auf und sei gerührt über diese neue interpretatorische Nuance im großen Garten der historisierenden Aufführungspraxis, bedenke aber: Wenn Bach selbst mit seinen Söhnen und Schülern im Leipziger Café Zimmermann aufmarschierte, hat es doch höchstwahrscheinlich ganz anders geklungen. Wir heute spielen und hören mit einem musikalischen Hintergrund, den er nicht hatte: Wir kennen Jazz, wir kennen Klangflächen-Kompositionen des 20. Jahrhunderts. Daher bietet eine so brillante Interpretation wie die vorliegende zahlreiche Anknüpfungspunkte, die uns überrascht assoziieren lassen: "Ah, dies oder jenes steckt in Bachs Musik auch schon drin." Ob man aber dem Original näher kommt, wenn man aus heutiger Perspektive solche Parameter in den Vordergrund rückt, das sei dahingestellt.

Michael Wersin, 07.05.2005



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