Fragen über Fragen: Was bloß anfangen mit diesem Bühnenweihfestspiel Parsifal, Wagners Schwanengesang und vielleicht sein unbequemstes Vermächtnis? Ist es nun ein Stück mit christlichem Inhalt, wie selbst Theologen gelegentlich meinen, oder ist es Ausdruck einer verquasten Privatreligion mit einigen christlichen Elementen? Tiefes Misstrauen kommt auf, wenn man es im Zusammenhang mit Wagners antijüdischen Schriften betrachtet: Proklamiert es, gipfelnd in der rätselhaften Aussage "Erlösung dem Erlöser", etwa ein germanisiertes Christentum, erlöst von seinen jüdischen Grundlagen, die in Form der Ahasver-ähnlichen Kundry durch das Stück geistern und gar noch mit todbringenden weiblichen Verführungskünsten und schädlicher Sexualität überhaupt in Verbindung gebracht werden? Kein Zweifel, all diese Aspekte sind unauslöschlich in der Partitur enthalten, und der große Suggestions-Künstler Richard Wagner war schließlich auch sein eigener Librettist. Da wundert es nicht, dass sein Enkel Wieland im Neuen Bayreuth der Nachkriegszeit gerade diesen Parsifal entmystifizieren wollte, wenn es auch nicht ganz einleuchtend ist, warum er gleichzeitig gerade mit diesem Stück das Festspielhaus im Jahre 1951 wiedereröffnete.
Die Entmystifizierung gelang denn zunächst auch nur teilweise. Zwar hatte er mit dem fabelhaften Wolfgang Windgassen einen Heldentenor neuer Prägung gefunden, der allem falschen Pomp und Pathos abhold war; auch George London, der 1951 als Amfortas in Bayreuth debütiert hatte, ist über jeden Verdacht überflüssigen Misteriosos erhaben: Mit seiner gewaltigen Stimme lässt der den siechen König in der Abendmahlshandlung auf anrührende, aber sehr menschliche Weise leiden. Für die musikalische Leitung jedoch wollte man auf den Vorkriegs-Star Hans Knappertsbusch nicht verzichten, was der Musik sicher zu Gute kommt: Schon im Vorspiel zum ersten Akt versteht dieser großartige Dirigent wahrlich zu begeistern.
Der vorliegende Live-Mitschnitt von 1952 ist in den Hauptrollen identisch besetzt wie die Aufführung von 1951, die auch auf CD zu haben ist (u. a. bei Naxos): Neben den Genannten faszinieren Hermann Uhde als dämonisch-stimmgewaltiger Klingsor und Martha Mödl als ausdrucksstarke und stimmlich gut disponierte Kundry. Für den Wagner-Kenner stellt diese bisher nicht so leicht zu bekommende 1952er Version eine willkommene Ergänzung zum ersten Nachkriegs-Parsifal dar; für den Neuling bietet sie eine hoch qualifizierte Einstiegsmöglichkeit in die Bayreuther Wagner-Tradition, wobei das Bei-“Heft” leider nicht mehr zu bieten hat als ein Tracklisting ohne Zeitangaben.

Michael Wersin, 24.05.2003



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