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Richard Wagner

Helden an geweihtem Ort, Biografie eines Stimmfachs (Teil 2)

Hermann Winkelmann, Carl Burrian, Wilhelm Grüning, Jacques Urlus, Willi Birrenkoven u.a.

Preiser/Naxos PR 89944
(1902 - 1922)

Richard Wagner stellte die Sänger seiner Bühnenwerke vor bis dahin unbekannte Probleme: Länge und Lage vor allem der Heldentenor-Partien, kombiniert mit einer besonderen Art der Textdeklamation, führten zu stimmlichen Belastungen, denen manche der Künstler nicht gewachsen waren. Ludwig Schnorr von Carolsfeld etwa, Wagners erster Tristan, verstarb kurze Zeit nach der Uraufführung recht plötzlich, und sein Tod wird häufig Wagners Raubbau mit den Ressourcen seines Helden angelastet. Wie klangen nun diese ersten wackeren Mitstreiter Wagners und seiner Erben auf dem Weg zu einer neuen deutschen Gesangskultur? Oftmals kläglich, sagen die einen; bemerkenswert und im Vergleich zu heutigen Wagner-Sängern oft überzeugender, sagen die anderen - darunter auch Einhard Luther in seinem Buch "Helden an geweihtem Ort", zu dem die vorliegende CD originales Tonmaterial liefert.
Der Gesang der bis 1900 und auch etwas darüber hinaus in Bayreuth tätigen Helden-Generation wurde in nicht unerheblichem Umfang auf Schallplatten dokumentiert; diese Tondokumente gehören teilweise zu den ältesten Aufnahmen überhaupt. Unter den auf dieser CD vertretenen Sängern findet sich sogar noch der Protagonist einer Uraufführung: Hermann Winkelmann kreierte 1882 in Bayreuth den Parsifal. Die Tonqualität der Aufnahmen ist selbstverständlich schlecht bis sehr schlecht: Rauschen und Knistern nehmen unterschiedliche Ausmaße an, in wenigen Einzelfällen lässt sich der Gesang dadurch fast gar nicht mehr beurteilen. Generell ist zu berücksichtigen, dass sich der wahre Klang der Stimme sowie ihre Lautstärke und Durchschlagskraft damals nicht in repräsentativer Weise einfangen ließen. Geht man vor dem Hintergrund all dieser Einschränkungen vorurteilsfrei und interessiert an das Material heran, so ergibt sich ein sehr gemischtes Bild: Einige der Sänger machen musikalische Fehler bis hin zu falschen Tönen und groben rhythmischen Ungenauigkeiten oder haben stimmtechnische Probleme, die sich nicht tontechnisch entschuldigen lassen. Der Gesang etwa von Hermann Winkelmann, wie er sich hier darstellt, muss daher als recht schlampig bezeichnet werden. Andere Sänger jedoch entpuppen sich durch die Nebengeräuschkulisse und die oft unqualifizierte Begleitung hindurch als passable bis sehr gute Interpreten mit eindrucksvollen vokalen Möglichkeiten; zu den besten gehören z. B. Walther Kirchhoff und Ernst Kraus. Selbstverständlich bieten auch diese Aufnahmen aus technischen Gründen keinen wirklichen akustischen Genuss, sind also letztendlich nicht mehr - aber auch nicht weniger! - als interessante und auch durchaus faszinierende Zeugnisse einer lang vergangenen Zeit.

Michael Wersin, 05.07.2003



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