Plácido Domingo durfte den größten Teil seiner Karriere in einer Zeit absolvieren, in der Opern-Gesamtaufnahmen im Studio wirtschaftlich noch kein Problem waren – und das ist auch gut so, denn er war an vielen davon erfolgreich beteiligt. Nun hat es EMI mit dem mittlerweile 64-jährigen Star noch einmal gewagt: Weil es eine Live-Aufnahme von Domingos Tristan nicht geben kann (er hat diesbezügliche Angebote in der Vergangenheit schon mehrfach abgelehnt), musste das Label tief in die Tasche greifen und für Wagners großes Drama um Liebe und Tod auf eigene Kosten ein namhaftes Ensemble vor die Mikrofone bringen. Ein großes Risiko heutzutage; verständlich, dass bereits im Werbetext prophezeit (beschworen?) wird, die Einspielung werde "Schallplattengeschichte schreiben". Wie dem auch sei, eins ist sicher: Für Domingo ist dieser Tristan ein persönlicher Triumph. Wer nach einer vier Jahrzehnte währenden globalen Sängerkarriere seine Stimme noch derart im Griff hat, dem gebührt höchstes Lob und grenzenlose Anerkennung; man freut sich nach wie vor auf die hohen Töne dieses Ausnahmesängers, den die Fachpresse schon in den Achtzigerjahren kaputtgeschrieben hat, man genießt noch immer das einzigartige Timbre, das berückend kraftvolle Metall dieser so vertrauten, unverwechselbaren Stimme. Gleichzeitig allerdings wundert man sich, dass dieser durchaus intelligente Künstler sein Deutsch seit dem 1976er Wagner-Debüt als Stolzing zwar graduell, aber nicht grundlegend verbessern konnte: Bis heute ist ihm die phonetische Struktur dieses Idioms hörbar unbequem. Er, dem Legato und Kantilene eigentlich in die Wiege gelegt sein sollten, kommt im Deutschen einfach nicht zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten; dass es kurze und lange Vokale gibt, scheint er immer noch nicht ganz internalisiert zu haben, denn immer wieder bringt er Konsonanten unnötig früh und zerhackt damit die melodische Linie. Immer wieder auch misst er Konsonanten überhaupt ein zu starkes Gewicht bei, indem er z. B. End-Rs viel zu ausgiebig rollt. So holpert er im Bemühen um artikulatorische Prägnanz durch viele Passagen seiner Partie und gönnt sich allzu selten jenes Legato, das seinen Gesang stets augenblicklich vergoldet, wenn es zum Einsatz kommt. Hätte er doch noch bessere Sprach-Berater beschäftigt, hätte er doch noch mehr Mühe auf das Aussprache-Studium verwendet – an seinem Tristan gäbe es ansonsten nichts zu kritisieren.
Nina Stemme, die sich derzeit auch in Bayreuth als Isolde Lorbeeren verdient, macht ihre Sache gut, wenn auch nicht außergewöhnlich: Oft fehlt ihr die Eindringlichkeit gerade in lyrischeren Momenten, wo sie ihre Kantilenen gern vibratoreich verwackelt, statt sie zielgerichtet und spannungsreich zu führen. So entbehrt sie bei aller stimmlichen Potenz noch jener Suggestivkraft, die sie zu einer wirklich großen Isolde vom Range einer Nilsson machen würde. Olaf Bärs beherzter, aber immer wieder an die obere Belastungsgrenze führende Zugriff auf die kräftezehrende Rolle des Kurwenal weckt Besorgnis: Hoffentlich bleibt er damit im Studio und tritt nicht die Nachfolge von Andreas Schmidt an, der sich derzeit in Bayreuth mit den Resten seines einst wundervollen Materials herumschlägt. Heldenbaritone sind rar geworden, ebenso wie jene Tenöre und Soprane, die den Partien von Tristan und Isolde gerecht zu werden in der Lage sind. Von dieser Not zeugt auch die vorliegende Aufnahme, die in ihren vielen schönen Momenten wehmütige Erinnerungen an reichere, erfülltere Zeiten des Wagnergesangs weckt.

Michael Wersin, 13.08.2005



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