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Richard Wagner

Scenes From "Tristan und Isolde"

Robert Dean Smith, Linda Watson, Martin Bruns, Slowakisches Radiosinfonieorchester, Ivan Anguélov

Oehms Classics/Codaex OEHMS 527
(75 Min., 2/2005) 1 CD

Da ist Oehms Classics wirklich ein Coup gelungen: Pünktlich zu den Bayreuther Festspielen konnte man einen Tristan-Querschnitt mit Robert Dean Smith, der dieses Jahr auf dem Grünen Hügel Tristan gab, aus dem Hut zaubern! Smiths Bayreuther Isolde Nina Stemme allerdings war nicht verfügbar, denn die präsentiert sich gleichzeitig bei EMI als Isolde Plácido Domingos (ebenfalls ein Coup, in der Tat!). Stemme ist sicher – bis jetzt – auch keine ideale Isolde, aber sie macht ihre Sache doch besser als in der vorliegenden Aufnahme Linda Watson, die leider mit teils sattem Vibrato und wenig sprachlicher Prägnanz antritt, was u. a. den Liebestod streckenweise zur grenzwertigen Hörerfahrung macht. Robert Dean Smith hinterlässt in dieser Aufnahme insgesamt einen recht guten Eindruck; kennt man ihn allerdings von Live-Auftritten und weiß, das sein Stand- und Durchhaltevermögen nicht immer das stabilste, sein Material nicht gerade das Durchschlagskräftigste ist (letzterer Umstand bleibt auch auf dieser CD freilich nicht verborgen), dann kann schon die bange Frage aufkommen, ob der wackere Amerikaner wohl am Ende dieser Saison noch fit sein wird. Hat doch selbst der unverwüstliche Domingo, der wie Smith einst aus der Baritonlage ins Tenorfach kam, die mörderische Partie des Tristan intelligenterweise niemals auf der Bühne gesungen. Nun ja, Domingo, das zeigt die erwähnte EMI-Einspielung, bringt schon weitaus mehr Metall und, zumindest in melismatischen Passagen, mehr Schmelz in Wagners Kantilenen, aber er hat eben nach wie vor die Phonetik und den Duktus der deutschen Sprache eigentlich überhaupt nicht begriffen.
Was an Robert Dean Smiths Stimme immer wieder erfreut, ist ihr unbeirrbar präsenter Wohlklang. Was hat man in der ersten Szene des gefürchteten dritten Aktes schon für harsches Bellen gehört! Nicht so bei Smith: Ökonomisch baut er Spannung über weite Strecken auf, ohne sich punktuell zu verausgaben. Vordergründige Effekte bleiben bei so besonnener Anlage natürlich aus, aber dafür bekommt man mehr als nur einen Eindruck davon, welche lyrisch-dramatische Intensität sich hier über weite Strecken entwickeln und entfalten kann. Bleibt das Bangen um Smiths stimmliche Gesundheit: Er wäre bei weitem nicht der erste, der sich mit Wagner frühzeitig ruiniert hat – allen voran Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Wagners erster Tristan, der die Uraufführung, ursächlicher Zusammenhang nicht ausgeschlossen, nur für kurze Zeit überlebte.

Michael Wersin, 17.09.2005



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