Eine charmante Idee, so eine Niedrigpreis-Operngesamtaufnahme nach bewährter, in vielen Fällen auch äußerst erfolgreicher Naxos-Manier. Und alle Achtung: Wenn auch das etwas indifferent interpretierte Vorspiel noch nichts Gutes ahnen lässt, so vermag im weiteren Verlauf doch vor allem die jugendlich-frische Brangäne Martina Dike durchaus zu erfreuen, und Hedwig Fassbender als Isolde bewegt sich vor dem Hintergrund dessen, was man in All-Star-Produktionen so zu hören bekommt, zumindest im Mittelfeld: Ihre Erzählung der Vorgeschichte der Opernhandlung in der dritten Szene des ersten Aktes etwa ist detailliert und liebevoll durchgestaltet - wobei auch hier das Orchester immer wieder allzu sehr buchstabiert und damit zumindest ebenso sehr wie die freilich keineswegs exzeptionell timbrierte Fassbender dafür verantwortlich ist, das nicht annähernd die volle überwältigende Suggestionskraft und schiere Wucht dieser Musik erlebbar wird.
In der Liebesszene im zweiten Akt allerdings (übrigens unbegreiflicherweise mit großem Strich im Duett "Sink’ hernieder, Nacht der Liebe") wird dann endgültig deutlich, dass dieser Tristan zwar eine recht solide Produktion sein mag, aber die ganz großen Wagner-Erlebnisse absolut nicht vermitteln kann: Hedwig Fassbaenders hohe Cs geraten schrill und eng, Wolfgang Millgramm bleibt als Tristan matt und blass, wenn er sich rein stimmlich auch mehr als wacker schlägt. Im dritten Akt dann erweist sich Gunnar Lundberg als problematischer, weil eigentlich auf der ganzen Linie überforderter Kurwenal. Kurzum: Wer Wagners Tristan wirklich schätzen lernen will, der versuche es trotz des günstigen Preises lieber nicht mit dieser Aufnahme. Nicht dass die großen Namen auf den Covers anderer, spektakulärerer Produktionen immer durchgehend hohe Qualität gewährleisten würden - aber es gibt, andersherum betrachtet, in der vorliegenden Aufnahme doch zuwenig Spitzenleistungen, als dass das Stück wirklich zu blühendem Leben erwachen könnte.

Michael Wersin, 26.11.2005



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