Zum Ende hin werden am Aufnahmeort die Bruchstücke zusammengekehrt: Hatte man es bis Folge 14 der Bachkantaten-Gesamtaufnahme Ton Koopmans noch in der Regel mit einem einzigen blockhaften Einspielungstermin pro Folge zu tun, drifteten die Aufnahmedaten schon seit Folge 15 auseinander, allerdings wurde immer noch Zusammengehöriges – also komplette Kantaten – am Stück musiziert. In Folge 18, der drittletzten übrigens, fällt mit der Integrität des Einzelwerks nun diese Schamgrenze: Hier wurde vielfach satzweise produziert, wohl nach dem Motto "du bist gerade da, also nehmen wir diese und jene Arie auch noch schnell mit". Von Koopmans ursprünglicher Idee, jede Kantate zunächst mehrfach in Konzerten zu praktizieren und sie dann auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen zeitnah einzuspielen, ging somit ja wohl Wesentliches den Bach hinunter, im wahrsten Sinne des Wortes. Nun, weite Teile von Rillings Gesamtaufnahme sollen auch so entstanden sein, sagt man; Koopmans Schüler Suzuki allerdings blieb in diesem Punkt bisher "keusch": Seine CDs – freilich immer nur eine pro Folge – entstehen immer innerhalb weniger Tage. "Ja, hört man das denn überhaupt?", mag der Kritiker des Kritikers jetzt fragen wollen. Aufnahmetechnisch gibt es zweifellos keine Probleme, man produziert nun seit vielen Jahren in der Amsterdamer Waalse Kerk und weiß, wo alles stehen muss. Aber hinsichtlich ihrer Aussage bilden die Kantaten als Elemente der Verkündigung im protestantischen Gottesdienst doch eine unauflösliche Einheit; auch Bachs eigene Parodiepraxis hebelt diese Tatsache nicht aus, denn es lässt sich zeigen, dass er hinsichtlich der in die Musik eingeflossenen Aussage im Falle der Wiederverwendung sehr gewissenhaft auswählt bzw. im Zuge einer Umtextierung durchaus deutliche Veränderungen an der Partitur vornimmt. Wenn also etwa von BWV 157 die Sätze 1 bis 3 im Juni 2001, der vierte und fünfte Satz aber im März 2002 musiziert wurden, dann kann von einer Interpretation vor dem Hintergrund der theologisch-musikalischen Gesamtaussage sicher keine Rede mehr sein – und jeder, der schon einmal Bach-Kantaten diesbezüglich untersucht hat, weiß, welch dramatische Stringenz sie auf dieser Ebene zu entwickeln vermögen. Masaaki Suzuki, ein in Bachs Kantatenwelt zutiefst Beheimateter, würde sich zu solchem Stückwerk nicht hinreißen lassen – und das hört der Kenner der Stücke im direkten Vergleich dann doch.
Was gibt es von Folge 18 Erfreuliches zu berichten? Christoph Prégardien gelang im Herbst 2002 eine stimmlich sehr überzeugende Version von BWV 55 "Ich armer Mensch, ich Sündenknecht" (die Solosätze wurden am Stück aufgenommen): Er begegnet der höllisch hohen Tessitura souverän mit einem Mischklang der Register, der ihm so nicht immer zu Gebote steht (wie andernorts in dieser Box zu hören). Fabelhaft macht sich weiterhin die Altistin Bogna Bartosz, die man mittlerweile auch gern einmal in anderen Zusammenhängen auf CD erleben würde. Sybilla Rubens liefert eine brillante, leidenschaftliche Interpretation von BWV 52 "Falsche Welt, dir trau ich nicht" (Solosätze schon 2001 am Stück produziert, Sinfonia und Schlusschoral eineinhalb Jahre später). Und, freilich, Chor und Orchester vollbringen eine äußerlich sehr solide Leistung, die von großer Vertrautheit mit dem Stil zeugt – aber eine ernsthafte Vertiefung auf Detailebene, wie sie bei Suzuki doch immer wieder begeistert, ist selten zu erleben.

Michael Wersin, 02.07.2005



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