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Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms

Bach and The Romanticist

Lorenzo Ghielmi

Winter & Winter/Edel 910114 2WIN
(69 Min., 11/2004, 12/2005) 1 CD

Diese ausgesprochen geglückte Gegenüberstellung von Orgelmusik Johann Sebastian Bachs und Johannes Brahms’ – letzterer ließ sich durch seine Bach-Studien zu einem kleinen Corpus von Werken für die Orgel inspirieren – bietet eine interessante Lektion Musikgeschichte auf der Basis eines auch für sich genommen höchst begeisternden Hörerlebnisses: Lorenzo Ghielmi verwendet für die Musik beider Komponisten eine klanglich jeweils zeittypische Orgel (die Ahrend-Orgel von San Simpliciano in Mailand für Bach, die Walcker-Orgel der Stadtkirche Winterthur für Brahms) und bedient sich bei Bach einer spritzigen, Non-Legato-generierten Artikulation, die man in den Kreisen der historisierenden Aufführungspraxis heute als adäquat für diesen Stil betrachtet. Im Falle von Präludium und Fuge a-Moll BWV 543 (Bach) und Präludium und Fuge a-Moll WoO 9 (Brahms) wird auf diese Weise nicht nur das umfassende Einfließen von barockem Motivmaterial in die Musik von Brahms unmittelbar deutlich, sondern es ist darüber hinaus evident, wie anders Brahms in seiner Zeit die Orgelmusik Bachs, die ihm als Vorbild diente, gehört haben muss, wenn sie auf einer Orgel des 19. Jahrhunderts ohne Zweifel eher legato als non legato vorgetragen (bzw. höchstwahrscheinlich auch von ihm selbst gespielt) wurde. Sie regte ihn dadurch zu einer strukturell zwar ebenfalls kontrapunktisch konzipierten, aber ansonsten doch viel stärker aus klanglich-harmonischer Perspektive heraus angelegten Stilkopie an. Kurios etwa auch das sperrig-schwerfällige Fugenthema mit seinen bremsenden Triolen bei Brahms im Vergleich mit Bachs ungehindert voranpreschendem, scharf konturiertem und doch gleichzeitig auch in typisch barocke Figurationen sich entfaltendem Thema.
Ähnliches offenbart der Vergleich von Brahms’ elf Choralvorspielen op. posth. 122 mit elf hinsichtlich der verarbeiteten Melodie teilweise deckungsgleichen Choralvorspielen Bachs: Barocke Floskeln in romantischem Gewand bei Brahms, Bach dagegen der harmonisch oftmals wesentlich komplexere und dichtere, aber strukturell dennoch überwiegend klarere Komponist. Orgelmusik ist im Œuvre von Brahms nur ein Randprodukt, während sie bei Bach einen der Grundpfeiler des Gesamtwerks darstellt. Gerade daher kann diese Einspielung auch als Plädoyer für die kleine, aber sehr persönlich gefärbte und tief empfundene Werkgruppe im ansonsten ganz anders ausgerichteten Schaffen von Brahms betrachtet werden.

Michael Wersin, 03.09.2005



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