Im Introitus und Kyrie zerklüftete Seelenlandschaften, ein musikalisches Porträt des zerknirschten, gleichzeitig angsterfüllten und hoffnungsfrohen Individuums, das im Angesicht des Todes seinen Schöpfer um Hilfe anruft; schreckerregend-aufwühlendes Getümmel im Wechsel mit flehentlichen Bittgesängen in der Sequenz "Dies irae, dies illa": Das Requiem von Richard Wetz (1875 - 1935) ist äußerlich betrachtet ein typisches Exemplar der romantisch-sinfonischen Totenmessen-Tradition (geeignet eigentlich nur für den Konzertsaal), wie sie u. a. mit Berlioz ihren Anfang nimmt und vor allem mit Max Regers leider unvollendetem Werk einen Höhepunkt erreicht. Im Hinblick auf seine Tonsprache allerdings ging der Oberschlesier Wetz, der einen großen Teil seines Lebens in Erfurt verbrachte und u. a. Kompositionsprofessor in Weimar war, einen sehr eigenständigen Weg, bedingt durch die lange Isolation fern der großen musikalischen Zentren seiner Zeit. Eine stark chromatische Tonsprache von monumentaler Wucht, passagenweise rauer als Max Regers Idiom und geprägt von eher herb angereicherten Akkorden bzw. oftmals recht kantigen Akkordverbindungen innerhalb der Dur-Moll-Tonalität, zeichnet die Totenmesse des lang vergessenen Meisters aus - eine durchaus beflügelnde und mitreißende Hörerfahrung.
Dankenswerterweise haben der Dombergchor Erfurt, der Philharmonische Chor Weimar und das Thüringische Kammerorchester Weimar unter Leitung von Georg Alexander Albrecht eine Interpretation des Werks für die CD gewagt; auf instrumentaler Ebene geht es dabei recht professionell zu, während die Chorgemeinschaft sich schon in den ersten Phrasen als zumindest überwiegend aus Laien gebildet offenbart. Es liegt dem Autor fern, diesen Umstand etwa kritisieren zu wollen (das wäre in unserer bezüglich solchen kulturellen Engagements zunehmend armseligen Lebenswirklichkeit mehr als kontraproduktiv); dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass es hier und da Intonationsprobleme gibt und dass der Chorklang häufig ein wenig flach und fahl ist. Dem umfassenden Kennen lernen des unbedingt hörenswerten Werks mittels der vorliegenden CD - es ist ohnehin die einzige Aufnahme - steht die Chorqualität keinesfalls im Wege.

Michael Wersin, 08.04.2006



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