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Charles Valentin Alkan

Sinfonie für Soloklavier u.a.

Marc-André Hamelin

Hyperion/Koch CDA 67218
(74 Min., 08/2000) 1 CD

Ambivalenter Marc-André Hamelin: Der franko-kanadische Pianist macht immer wieder durch die brillant-virtuose Interpretation von exotischer, vergessener oder kaum spielbarer Klavierliteratur auf sich aufmerksam, verstört in letzter Zeit bisweilen aber gleichzeitig Fans und Fachwelt mit enttäuschend blassen Einspielungen von Standard-Repertoire. In Interviews gibt Hamelin sich bescheiden und antwortet nicht gern auf Fragen nach seiner technischen Fertigkeit, weil diese ihm nicht Selbstzweck, sondern lediglich Mittel zur Darbietung unbekannter, oftmals sehr diffiziler Klavierliteratur sei.
Auf sicherem Grund bewegt sich Hamelin bei seiner neuen CD mit Klaviermusik von Charles-Valentin Alkan: Hier sind der virtuose Gestus und der orchestrale Einsatz des Klaviers so eng mit der Musik selbst verknüpft, dass Hamelin vollkommen in seinem Element ist. Sein romantischer, warm-süffiger Klavierton sorgt für ein erstklassiges Klangergebnis, die perfekte Oktaventechnik erlaubt ihm die völlig reibungslose Umsetzung schwierigster Passagen in der "Sinfonie für Solopiano" aus den Etüden op. 39. Butterweich zaubert er zwischendurch auch immer wieder lyrische Abschnitte aus dem Flügel hervor. Dem Hörer wird die dichte Partitur sehr plastisch: Hamelin verfolgt stets jede einzelne Stimme des Satzes mit größtmöglicher Konsequenz.
Eine Vergleichseinspielung von Bernard Ringeissen (er nimmt für Naxos das Gesamtwerk von Alkan auf) kann in diesem Fall nicht mithalten: Dem Konkurrenten fehlt es im Vergleich sowohl an technischer Brillanz wie auch insgesamt an Geschmeidigkeit.
Außer der genannten "Sinfonie" präsentiert Hamelin noch einige andere Werke Alkans, darunter das bis zur Kitschigkeit schwärmerische "Alleluja", aber auch die originellen "Trois morceaux dans le genre pathétique". Ähnlich ambivalent wie insgesamt die Sonderbegabung Hamelins bleibt im vorliegenden Fall auch die Musik Alkans: Hin und her gerissen zwischen Faszination über die beeindruckende Nutzung klaviertechnischer Grenzbereiche und der substantiellen Banalität einiger der Werke muss der Hörer sich eine Meinung zu dieser gewiss nicht vorschnell abzuurteilenden Musik bilden.

Michael Wersin, 01.01.1970



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