Samuel Barbers "Vanessa", ein Psychodrama um eine schmerzhaft missglückte Liebesbeziehung, die daraus resultierenden unerfüllten Wünsche bzw. Illusionen und ihre tragischen generationsübergreifenden Folgen, ist ein absolut hörenswertes Opernjuwel des 20. Jahrhunderts – hörenswert vor allem in jener im Anschluss an die New Yorker Uraufführung unter Mitropoulos entstandenen Studioaufnahme vom Februar bzw. April 1958 (RCA), die seit 2005 vergriffen ist. (Der Rezensent verbeißt es sich, an dieser Stelle seiner Empörung über dieses gravierende Beispiel einer rein wirtschaftlich bedingten, aus fachlicher Sicht aber unsinnigen Streichpolitik großer Plattenfirmen ausführlicher Ausdruck zu verleihen.) Da kommt das Label Orfeo mit dem Salzburger Mitschnitt gerade recht, denn für die dortige Produktion – die europäische Uraufführung – wurden seinerzeit der Dirigent und die wichtigsten Sänger, ferner (für den Hörer nicht so wichtig) die Inszenierung des Librettisten Gian Carlo Menotti samt Ausstattung einfach über den Atlantik hinweg ausgeliehen. Aber ach: Wird in der Studioaufnahme der Hörer gesamtklanglich geradezu eingehüllt und entsprechend mitgerissen, bleibt der vorliegende Livemitschnitt doch in dieser Hinsicht recht dumpf und distanziert. Auch bringen die Wiener Philharmoniker Barbers Orchestersatz nicht so intensiv und homogen zur Aufführung wie in New York das Metropolitan Opera Orchestra. Außerdem erscheinen die sängerischen Leistungen in der Studioproduktion weitaus konzentrierter und intensiver. Die New Yorker Studioproduktion von "Vanessa" ist diesem für sich genommen freilich wertvollen Salzburger Dokument also bei Weitem vorzuziehen; daran ändert auch das enthaltene Pausengespräch mit dem Komponisten (der sich als exzellenter Kenner der deutschen Sprache entpuppt) leider nichts: Hier werden – in knapp acht Minuten, während derer alle Fragen und Antworten zudem in deutsch und in englisch vorgebracht werden – naturgemäß eher allgemeine Informationen über das Stück verhandelt.

Michael Wersin, 02.02.2007



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