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George Benjamin

Shadowlines, Three Studies, Piano Sonata u.a.

Pierre-Laurent Aimard, George Benjamin, Tabea Zimmermann, Antoine Tamestit

Nimbus/Naxos NI 5713
(70 Min., 3/1980, 2/1986, 12/2003) 1 CD

Der englische Komponist George Benjamin (Jahrgang 1960) kann nicht anders. Ob er nun einen Kompositionsauftrag zum 250. Geburtstag von Joseph Haydn bekommt oder mit den sechs kanonischen Preludes "Shadowlines" aus der Ferne Johann Sebastian Bach grüßt - Benjamin will einfach nicht verleugnen, dass er seine künstlerische Heimat längst in Frankreich gefunden hat. Zu seinen Meistern und Lehrern gehörten schließlich Olivier Messiaen und Pierre Boulez und die musikalische Sprache Benjamins ist zweifellos von Einflüssen Debussys und Ravels infiziert. Doch Benjamin ist keiner dieser postmodernen Epigonen. Vielmehr geraten in seinem harmonischen und formalen Koordinatensystem selbst Klang-Klischees wie ein Ragtime auf die spektakulär schiefe Bahn, bei dem es auf der Klaviertastatur zu drastischen Handgreiflichkeiten kommt. Und die Benjamin auch selber mit aller Schärfe inszenieren kann. Wie auf den "Three Studies" und der von der prismatischen Elementarkraft Messiaens geprägten Klaviersonate des 19-Jährigen, die Benjamin auf dem ihm gewidmeten Komponistenporträt eingespielt hat.
Eine manuelle Herausforderung für die Interpreten und ein Abenteuer für den Zuhörer ist gleichfalls das Bratschen-Duo "Viola, Viola" (1997), das vom japanischen Komponisten-Kollegen Toru Takemitsu bestellt wurde. Doch statt asiatischer Gelassenheit lässt Benjamin die beiden Musiker eine eruptive Kontroverse auslösen, in der nun Tabea Zimmermann und Antoine Tamestit sich effektvoll attackieren. Eine schnell entflammbare Allianz aus Klangstimmungen à la Debussy und kompositionstechnisch avanciertem Raffinement bilden auch "Shadowlines" (2001). Und dass Pierre-Laurent Aimard die Weltersteinspielung übernommen hat, ist ein wahrer Glücksfall! Wie er Suggestivität und kristalline Klang-Zersplitterungen mit einem fast kriminalistischen Spürsinn abwägt, wie er die Subtilität des Überschwangs nacherleb- und nachvollziehbar gestaltet, unterstreicht nur, warum Aimard zurzeit die Instanz schlechthin ist, um der breiten Öffentlichkeit die klassische und jüngste Moderne nahe zu bringen.

Guido Fischer, 27.11.2004



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