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Luciano Berio

Orchester-Transkriptionen von Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart u.a.

Fausto Ghiazza, Sinfonieorchester Giuseppe Verdi Mailand, Riccardo Chailly

Decca/Universal 476 2830
(75 Min., 8/2004) 1 CD

Mit seiner "Sinfonia" hatte Luciano Berio Ende der 1960er Jahre endgültig die Postmoderne in der Musik eingeläutet. Mit dieser Collage von alten und jungen Meistern, von denen Berio besonders Gustav Mahler in diese pfiffige Phantasamgorie implantierte. Diesem Atem der Interkontextualität, der (Neu-)Beleuchtung der Schnittstellen zwischen Gestern und Heute begegnet man durchaus auch in den Orchester-Transkriptionen Berios, die in den letzten 30 Jahren allesamt als Auftragswerke entstanden. Angefangen von Bachs "Kontrapunkt XIX" aus "Die Kunst der Fuge" über die Annäherung an eine Fragment gebliebene Sinfonie Schuberts bis zur Orchester-Version der Klarinetten-Sonate op. 120/Nr.1 von Brahms, die auf den Orchester-Apparat der Los Angeles Philharmonic zugeschnitten ist. Und ganz den Anlässen entsprechend, bleibt Berio mal ganz nahe am Original wie bei Bach. Oder er löst Mozarts Papageno-Arie "Ein Mädchen oder Weibchen" gleich komplett in einem neo-klassizistischen Gewebe auf.
Wenn Berio aber mit unverkrampfter Hand Altbekanntes umorganisierte, um beispielsweise den Schwung des 18. ins 20. Jahrhundert zu transportieren, können Ohrwürmer schon mal amüsant zu dampfen und zu schwitzen anfangen. Wie in den "Quattro versioni originali della 'Ritirata notturna di Madrid'", für die Berio die vier Fassungen von Boccherinis berühmtem Nachtwachenaufmarsch übereinanderlegt und als hypertrophe Orchester-Show in Bewegung setzt. Riccardo Chailly lässt jedenfalls gerade hier den gesamten dynamischen Spielraum von seinen Mailänder Musikanten fulminant aufziehen, die Darstellung solcher leichtgewichtigen Scheinwelten besitzt ausreichend Temperament und Prägnanz.

Guido Fischer, 15.10.2005



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