Boris Blacher - nur wenig ist im Bewusstsein eines breiteren Kulturpublikums verblieben vom ereignisreichen Leben dieses Komponisten. Es war geprägt von einer fern von Deutschland verbrachten Jugend (der Beruf des Vaters bedingte Aufenthalte an verschiedenen asiatischen und osteuropäischen Orten) sowie von den Repressalien des Nazi-Regimes, dessen Einflüssen Blacher sich als junger Professor am Dresdner Konservatorium widersetzte. Drei Jahre nach Kriegsende wurde er Professor an der Berliner Musikhochschule, wo er eine erfolgreiche Lehrtätigkeit entfaltete und einige bedeutende Nachwuchskomponisten (darunter Aribert Reimann und Giselher Klebe) hervorbrachte.
Seine Lieder sind gekennzeichnet durch den ebenso effektvollen wie ökonomischen Einsatz des begleitenden Klaviers: Im stillen, nachdenklichen Gottfried-Benn-Zyklus "Aprèslude" (1958) liefert er zur frei schwebenden Gesangsstimme bisweilen nur harmonische Färbungen oder rhythmische Akzente, wobei der so entstehende musikalische Gesamteindruck den Text stets ganz unmittelbar anschaulich macht. Tendenziell mehr zu tun hat der Pianist - auf der vorliegenden CD bewältigt Axel Bauni seine anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour - in den aufgewühlten "Drei Psalmen", komponiert im Kriegsjahr 1943 zu der kraftvollen originalen Übersetzung Martin Luthers; rezitativische und fest gefügte Passagen mit großem dramatischen Potential wechseln hier einander ab.
Eine auf den ersten Blick ganz andere Ausdruckswelt öffnet sich dem Hörer in den "Vier Liedern nach Texten von Friedrich Wolf" (1947) und in dem Kinderreim-Zyklus "Ungereimtes" (1967): Ausgelassen und unterhaltsam präsentiert sich Blacher in diesen ansprechenden Miniaturen, von denen kaum eine länger als zwei Minuten dauert; schnell wird allerdings klar, dass Blacher hinsichtlich seiner kompositorischen Maximen auch in diesem ganz anderen Tonfall unbestechlich bleibt: Nichts Überflüssiges vernebelt jemals den Blick auf das Wesentliche.
Stella Doufexis und Yaron Windmüller erweisen sich als kompetente und ausdrucksstarke Interpreten der Lieder, wobei Windmüller bisweilen stimmlich etwas überfordert erscheint. Stella Doufexis' schön timbrierte Mezzosopran-Stimme funktioniert so gut, dass sie Blachers diffizile Kantilenen mit viel Charme und Eleganz zu meistern vermag; allenfalls in der Höhe mangelt es hier und da ein wenig am Fokus. Ein Höhepunkt der CD markiert im übrigen Boris Blachers Sohn Kolja mit seiner dichten und aussagekräftigen Interpretation der 1940 entstandenen "Sonate für Violine solo". Außerdem begleitet das Petersen-Quartett den fabelhaften australischen Tenor Christopher Lincoln bei "Thirteen ways of Looking at a Blackbird" (1957) und beschließt das Programm mit dem nachgelassenen "Lento" aus einem unvollendeten Streichquartett.

Michael Wersin, 08.03.2003



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