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Ernest Bloch

Die zwei Klavierquintette

Kocian Quartet, Ivan Klánský

Praga/helikon harmonia mundi PRD 250 185
(50 Min., 1/2002, 3/2003) 1 CD

Warum wird die Musik von Ernest Bloch so selten gespielt? Immer, wenn mir eine CD mit Werken dieses Komponisten in die Finger kommt, bin ich aufs Neue begeistert vor allem von der einzigartigen Energie, die seiner Musik vom ersten bis zum letzten Ton innewohnt. Sie speist sich aus kraftvoller Melodik, ausladender Dynamik und einer oft latent polytonalen oder zumindest durch bestimmte dissonante Reiztöne aufgestachelten Harmonik. Diese Musik droht den Hörer förmlich zu überfluten; sie verlangt ein starkes Gegenüber, das bereit ist, sich von ihren Energieströmen durchfließen zu lassen und dabei die äußerst prägnanten, manchmal fast gewalttätigen musikalischen Eindrücke, die Bloch ihm permanent vor die Füße wirft, bewusst ergreift und in ihrer Wirkung auf das eigene Empfinden aktiv verfolgt. Die ungeheuer eindringliche Interpretation der beiden Klavierquintette, die das Kocian-Quartett mit Ivan Klánský auf dieser CD vorlegt, wird den genannten Eigenschaften von Blochs Musik in begeisternder Weise vollkommen gerecht.
Bloch wurde als Sohn eines jüdischen Uhrmachers 1890 in Genf geboren, studierte Geige u. a. bei Eugène Ysaye, später dann Musiktheorie und Komposition in Brüssel und Frankfurt. Schon während des Ersten Weltkrieges wanderte Bloch nach Amerika aus, wo er sein erstes Klavierquintett 1923 vollendete. Nachdem er von 1930-38 wieder in der Schweiz gelebt hatte, sah er sich auf Grund des Antisemitismus' dazu gezwungen, endgültig nach Amerika zurückzukehren. Sein zweites Klavierquintett ist ein Spätwerk, das 1957, zwei Jahre vor Blochs Tod, fertig gestellt wurde. Beide Werke überraschen durch eine sehr eigenständige musikalische Sprache, die den Boden der Tonalität niemals verlässt: Ein weiteres Beispiel für jenen "zweiten Weg" neben der Wendung zur Atonalität, den es im Europa des 20. Jahrhundert hätte geben können, wenn die in dieser Richtung engagierten Komponisten nicht in verstärktem Maße Opfer der Nationalsozialismus geworden wären; Blochs Schicksal verlief dabei vergleichsweise glimpflich, denn er vermochte in den USA Fuß zu fassen. Viele seiner Zeitgenossen hingegen starben elend und verkannt.

Michael Wersin, 30.08.2003



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