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Ernest Bloch

Poems Of The Sea, Voice In The Wilderness, Violin Concerto

Matthias Wollong, Wolfgang Emanuel Schmidt, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Vladimir Jurowski, Fabrice Bollon

Capriccio/Delta Music 67 071
(75 Min., 5/2002, 4/2003) 1 CD

Als "deep, secret, insistent, ardent" empfand Ernest Bloch die innere Stimme, die er "from far beyond myself" vernahm, wenn er die Bücher des Alten Testaments studierte. Sie nahm musikalische Gestalt an in einem Werk wie "Voice in the Wilderness", komponiert 1936; es bezieht sich auf die Prophezeiungen des Deutero-Jesaja zur Zeit des babylonischen Exils des Volkes Israels, die sich als machtvoll-weitreichende Zukunftsvision im gesamtbiblischen Kontext letztendlich in Jesus Christus, aus jüdisch-alttestamentlicher Perspektive aber bis heute nicht vollends erfüllt haben. Der Schweizer Uhrenhändler-Sohn Bloch besaß seit 1924 die amerikanische Staatsbürgerschaft, kam aber 1930 nach Europa zurück, um anlässlich des wachsenden Antisemitismus 1939 der Alten Welt endgültig den Rücken zu kehren.
Vor diesem Horizont ist das genannte sinfonische Poem "Voice in the Wilderness" für großes Orchester und obligates Cello zu betrachten: Auch ohne ein explizites Programm über den sinnstiftenden Titel hinaus öffnet sich dem Hörer dieses aufgewühlten, mal sehnsüchtigen, mal zutiefst erschütternden Werks ein breites Panorama von Empfindungen einer suchenden, bangenden, hoffenden Seele, die sich selbst aber auch als durchaus objektiv zur Kenntnis zu nehmende Stimme ihrer Zeit verstand.
Das Violinkonzert, wenn auch ebenfalls noch in Europa (1938 in Châtel) entstanden, zeigt Bloch schon stärker auf Amerika hin orientiert: Unendlich weite Landschaften, die den Willen nach umfassendem Befreit-Sein wecken, mag man in den lockerer gefügten Passagen assoziieren - ganz ähnlich wie übrigens auch im Violinkonzert des Amerikaners Samuel Barber, das interessanterweise ebenfalls Ende der dreißiger Jahre in der Schweiz begonnen wurde. Hört man bei Bloch darüber hinaus nicht auch "indianische" Elemente, vor allem in den rhythmisch zupackenden Strecken des ersten Satzes? Aber nicht nur das: U. a. in der Melodik sind ganz klar auch jüdische Motive erkennbar. Es ergibt sich in diesem Stück ein sehr differenziertes Bild von Blochs Wahlheimat, die ihm den Schmerz der Entwurzelung zumindest mit breiter Anerkennung und äußerem Erfolg versüßen sollte.
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nimmt sich der Musik Blochs unter der jeweils kompetenten Leitung von Fabrice Bollon (Violinkozert) und Vladimir Jurowski (Voice in the Wilderness) mit großer Brillanz und tadelloser Disziplin im Zusammenspiel an. Matthias Wollong (Violine) und Wolfgang Emanuel Schmidt (Cello) erfüllen ihre solistischen Aufgaben weitgehend mit Bravour und beachtlicher Hingabe; obwohl von beiden Werken alternative Aufnahmen, teils mit größeren Namen, existieren, kann die vorliegende CD durchaus empfohlen werden.

Michael Wersin, 08.05.2004



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