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Johann Sebastian Bach

Kantaten Vol. 30 (BWV 51, BWV 1127)

Carolyn Sampson, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BIS/Klassik Center SACD 501471
(73 Min., 9/2005) 1 CD

Was tun, wenn ein überraschend wiederentdecktes, bis dato unbekanntes Vokalwerk Johann Sebastian Bachs in eine laufende Gesamtaufnahme der Kantaten hineinplatzt? Zwar ist die im Juni 2005 aufgetauchte Strophenarie "Alles mit Gott, und nichts ohn’ ihn" BWV 1127 als Glückwunsch-Komposition zum 52. Geburtstag Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar streng genommen ja gar nicht Teil des Kantatenwerks - aber nehmen lassen wollten sich Gardiner, Koopman und nun auch Suzuki die Einspielung des spektakulären Fundstücks natürlich nicht. Gardiner, der die erste Version präsentierte, bot drei der insgesamt zwölf Strophen auf einer Einzel-CD (SDG/harmonia mundi), die ansonsten Einzelnummern-Auskoppelungen aus anderen Teilen seiner "Cantata Pilgrimage" enthält; Koopman brachte immerhin schon vier Strophen in Teil 20 seiner Edition (Challenge/Sunnymoon) unter. Und nun Masaaki Suzuki: Sämtliche zwölf Strophen spielte er für die vorliegende 30. Folge seiner Kantaten-Gesamtaufnahme ein und reserviert dafür fast 50 Minuten auf dieser Einzel-CD. Jetzt können wir sie endlich vollständig anhören, die großartige Dichtung des Buttstädter Superintendenten Johann Anton Mylius, und damit Bachs schöne, durch das instrumentale Ritornell zusätzlich reizvolle, aber eben doch nur strophische Vertonung, endgültig zu Tode nudeln. Und wir können uns in die Lage des Herzogs versetzen, der diesen länglichen Geburtstagsgruß - und es war sicher nicht der einzige - im Jahre 1713 wohl auch vollständig über sich ergehen lassen musste. Womit die wundervolle Carolyn Sampson, die Suzuki für diese Mammut-Aufgabe heranzog, eigenartigerweise nicht aufwartet, sind verzierte Versionen einzelner Strophen, was doch sehr naheliegend gewesen wäre. Einzig die immer wieder variierte Be- und Aussetzung des Continuoparts sowie Diminutionen in den Violinstimmen des Ritornells schaffen somit ein wenig Abwechslung.
Ähnlich wie in dieser Rezension droht auch auf der CD die eigentliche Glanzleistung - immerhin steht sie dort am Anfang - durch den "Alles mit Gott"-Marathon an den Rand gedrängt zu werden: Für die Sopran-Solokantate "Jauchzet Gott in allen Landen" BWV 51, einer der empfindlichen Punkte jeder Kantaten-Gesamteinspielung, fand Masaaki Suzuki in Carolyn Sampson eine ideale Interpretin: Weniger kantig und - Verzeihung - weniger fraulich als Malin Hartelius bei Gardiner, dafür aber mit betörend schöner Stimmfarbe, faszinierender Geschmeidigkeit und perfekter Koloratur schraubt sich die Engländerin völlig schlackenfrei durch die halsbrecherischen Kantilenen der Ecksätze dieses bei brillanter Darbietung immer wieder mitreißenden Meisterwerks. Glückwunsch, Herr Suzuki, diese Hürde ist mit Bravour genommen!

Michael Wersin, 25.03.2006



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