Responsive image
Johann Sebastian Bach

Matthäuspassion

Jörg Dürmüller, Ekkehard Abele, Cornelia Samuelis, Bogna Bartosz, Paul Agnew, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Orchestra, Ton Koopman

Challenge/SunnyMoon CCDVD72233
(162 Min., 3/2005) 2 CDs, mit Bonustrack: Gespräch zwischen Koopman, Peter Wollny, Martin Petzoldt und Christoph Wolff

Eine etwas ernüchternde Sache, diese live im niederländischen Amerfoort mitgeschnittene Matthäuspassion in Bild und Ton mitzuerleben: Ton Koopman, eine der ganz großen (und teilweise sicher auch in Erfüllung gegangenen) Hoffnungen der historisch informierten Bach-Interpreten, unzweifelhaft durch eine tiefe Liebe mit der Musik Bachs verbunden, geschwächt aber durch das Ende des Labels Erato und die mit der Selbst-Übernahme der zweiten Hälfte seiner Kantaten-Gesamtaufnahme verbundenen wirtschaftlichen und organisatorischen Belastungen - er gestaltet mit einem nicht homogenen Ensemble auf zumindest eigenwillige Art und Weise eine unterm Strich kaum jemals mitreißende oder bewegende Aufführung von Bachs großer Passionsmusik. Problematisch vor allem Koopman selbst mit seinem sehr individuellen Dirigierstil, bei welchem alle Schwerpunkte mittels eines Specht-artigen Hervorschnellens des Kopfes markiert und viele Ausdrucksnuancen durch wenigstens in der Wirkung eher inadäquate Grimassen angezeigt werden. Mit seinem im Ergebnis nicht sehr hilfreichen Dirigat steht Koopman allerdings nicht allein da, sondern befindet sich im Bereich der Historischen Aufführungspraxis in guter Gesellschaft. Schlügen Mariss Jansons oder André Previn so, dann hätten sie nur selten ein Engagement. Koopman hat zusätzlich noch eine Orgel vor sich, an der er bei Rezitativen und Arien die Continuogruppe führt. Man kann streiten über seine sehr eloquente Art der Improvisation, bei der die rechte Hand in den Arien fast permanent in kleinen Notenwerten plappert und sämtliche Phrasenanschlüsse überspielt, statt die Bewegung der Musik in organischer Weise auch einmal zur Ruhe kommen zu lassen, bei der die Rezitative über die bloßen Akkorde hinaus noch zahlreiche Ausschmückungen erfahren. Möglicherweise war Bach auch sehr beredt am Continuoinstrument. Kann schon sein, aber das war dann eben Bach...
Unter den Solisten verwundert vor allem Klaus Mertens, der immer wieder mit der tiefen Lage kämpft, teilweise grob unsauber singt und große Probleme mit jeder Legato-Linie hat, weil er in Melismen jeden Ton aspiriert. Bogna Bartosz hat große Momente - z. B. in der "Sehet"-Arie -, laboriert aber immer an ihrer Registerdivergenz herum. Weitgehend überzeugend Jörg Dürmüller als Evangelist, entsetzlich manieriert dagegen Paul Agnew in den Tenorarien: seine Darbietung ist tatsächlich kaum zu ertragen. Die junge Sopranistin Cornelia Samuelis macht ihre Sache recht gut, wenn ihr auch in der oberen Lage noch Vordersitz und Fokus fehlen. Chor und Orchester agieren gewohnt professionell, aber was nützt es? Durch diese schon im elementaren Bereich disparate Version der Matthäuspassion weht wenig vom eigentlichen Geist des Werkes, es ist eine Repertoire-Aufführung, bei der ein sicher immer das Beste wollender Koopman einfach überfordert damit ist, das umzusetzen, was er sich vorstellt. Und außerdem: Wie historisch ist denn die Aufführungspraxis, wenn die Solisten nicht der Kern des Chores sind, dem sich in Chorsätzen Ripienisten beigesellen - so machen es korrekterweise Gardiner und Suzuki -, sondern abseits vom Chor nur zu ihren Rezitativen und Arien aufstehen?
Als Bonustrack ist ein Gespräch zwischen Koopman, Peter Wollny, Martin Petzoldt und Christoph Wolff beigefügt, in dem viele interessante Aspekte Erwähnung finden, das aber zumindest in aufführungspraktischen Fragen schon durch die Auswahl der diskutierenden Personen jeglichen fruchtbaren Konflikt vermeidet.

Michael Wersin, 21.07.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top