Responsive image
John Cage

Music of Changes

David Tudor

Hat/Helikon Harmonia Mundi 133
(44 Min., 11/1956) 1 CD

Kaum ein zweiter Komponist hat das musikalische Kunstwerk so radikal von seinem Produzenten abgetrennt wie John Cage. Und damit das gestaltende Subjekt von allen musiktheoretischen Verpflichtungen und Fängen befreit, denen auch er sich nach seinen Lehrjahren bei Arnold Schönberg langsam entzog. Von den leisen Signalen, die Cage bereits da mit den legendären "Sonatas and Interludes" gegen den Zwölfton-Dogmatismus aussenden sollte, war es so nur einer kurzer Schritt hin zu "Music of Changes".
1951 komponierte Cage diese viersätzige Revolution für Klavier, wobei das symbolträchtige, die neue Jahrhunderthälfte markierende Entstehungsdatum wohl rein zufällig war. Ganz bewusst wählte Cage aber den Zufall als geltendes Ordnungsprinzip. Statt handwerklicher Formkraft und Spiritualität half ihm jetzt das chinesische Orakelbuch "I Ging", dessen Hexagramme über Zufallsoperationen per Münzwurf Struktur bekommen hatten. Dieser Münzwurf war es auch, der in "Music of Changes" die tabellarisch fixierten Parameter wie Tempo und Lautstärke miteinander kombinierte. Es ist die Geburt des kompositorischen Freiraums aus dem Geiste des Buddhismus, von Cage minutiös notiert.
Das empfindliche Netz, gespannt von Zufall und Konstruktion zugleich, ist mit seinen unzähligen expressiven Gesten, seinen Motiv-Inseln eine Erlebnisreise zwischen Klang und Stille. Zumal niemand dem Geist Cage so nah stand wie David Tudor, der fünf Jahre nach der Uraufführung das Werk 1956 in Köln mit Leichtigkeit, Zartheit und motorischem Raffinement einspielte. Und dessen Aufnahme als Erstveröffentlichung das wohl beweglichste Plädoyer für eine Partitur ist, die den Zuhörer auch heute noch in ständiger Bewegung hält.

Guido Fischer, 23.08.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top