Die Liste empfehlenswerter Aufnahmen von Schönbergs Gurreliedern ist kurz: An oberster Stelle steht ohne Zweifel die Chailly-Produktion von 1985 (Decca), u. a. einer der wenigen Belege für das hervorragende, aber überraschend unterrepräsentierte Können der Sopranistin Susan Dunn und für Siegfried Jerusalems praktisch uneingeschränkt faszinierende Hochform. An letztere reicht in der vorliegenden Live-Aufnahme aus München der Kanadier Ben Heppner (Waldemar) durchaus heran; in der Orchesterlieder-Folge des ersten Teils gelingen ihm sowohl sein lyrischer, tief liegender erster wie auch sein plötzlich dramatisch in die hohe Lage ausbrechender zweiter Gesang vollkommen überzeugend. Heppner, der sich nach Phasen starker körperlich-stimmlicher Angegriffenheit mit Erfolg neu zu orientieren vermochte, begeistert mit der schieren jugendlichen Kraft und - im Vergleich zu seinen Aufnahmen aus den 90ern stark verbesserten - Modulationsfähigkeit seiner heldischen Tenorstimme. Daneben wie auch im Vergleich mit der oben erwähnten Leistung Susan Dunns verweilt Deborah Voigt als Tove in puncto interpretatorische Ausdifferenzierung eher im soliden Mittelfeld. Waltraud Meier schließlich muss sich als Waldtaube "gegen" Brigitte Fassbaender behaupten, zu deren Markenzeichen diese kurze Partie gehörte. Fassbaender verkörpert die Waldtaube auch bei Chailly, und sie tut dies mit rückhaltloserer Hingabe, mit einer Palette eigentümlicherer, unverwechselbarerer Stilmittel als Waltraud Meier.
Lob gebührt James Levine für seine dirigentische Leistung: Schon im Orchesterspiel zeigt sich, dass er für das impressionistische Farbenspiel der Partitur ein sehr geschicktes Händchen hat. Die Doppel-CD präsentiert sich als "Vol. 1" einer Levine-Reihe namens "Documents of the Munich Years" - man darf gespannt sein, mittels welcher konzertanter Ereignisse Levines nicht unproblematische Münchner Wirksamkeit in den weiteren Folgen dokumentiert werden wird.

Michael Wersin, 04.09.2004



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