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Arnold Schönberg, Richard Strauss, Robert Schumann, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven

The Two Eyes Of Horus / Dreampaths Of Music

Sächsische Staatskapelle Dresden, Giuseppe Sinopoli

Arthaus/Naxos 100 502
(176 Min., 1998) Format 16:9, DVD 9, PAL, Region Code 2, 5

Kann der menschliche Geist ein Fenster finden, das ihm die Möglichkeit verschafft, auszubrechen aus dem linearen Bewusstsein des vorher und nachher, der empirischen Denkstrukturen? Können wir die Begrenzungen von Raum und Zeit überwinden? Giuseppe Sinopoli, der 2001 im Alter von 55 Jahren unerwartet verstorbene Dirigent, suchte und fand in der ägyptischen Mythologie eine seinem Wesen und seinem Streben nähere Art der Reflektion unseres Seins: Er, der zunächst Mediziner gewesen und auf einem Umweg zum Dirigieren gekommen war, studierte als bereits etablierter Musiker Archäologie und Ägyptologie, gab dafür das zuvor ebenfalls betriebene Komponieren auf, um der für ihn faszinierenden Welt der Pharaonen näher zu kommen. Die Philosophie des permanenten Fließens, der Metamorphose, des Ineinanders und Miteinanders scheinbar gegensätzlicher Aspekte faszinierte ihn und gab seinem Traum Nahrung, Schönbergs "Verklärte Nacht" und Strauss’ "Metamorphosen" , zwei Werke der abendländischen Kultur, die seines Erachtens eine Verbindung schufen zu jener geistigen Sphäre jenseits unserer logischen Denkstrukturen, in den Ruinen des Tempels von Medinet Habu zu dirigieren: Ramses III., so stellte er sich vor, könnte dabei an seinem Fenster stehen und diese Musik, die erst Jahrtausende nach seiner Zeit entstehen sollte, intuitiv voraushören.
Sinopoli wählte für das Experiment zwei Werke aus, die tatsächlich im Geist der Metamorphose, des ständigen Wandels und Flusses entstanden sind. Wir hören sie in diesem Film, gespielt von der Staatskapelle Dresden unter Sinopolis Leitung, und bekommen dazu vor allem Bilder ägyptischer Ruinen und Landschaften geboten. Zuvor sehen wir Sinopoli durch die Reste der Tempel und Grabstätten stapfen, während ein Sprecher auf recht popularwissenschaftliche Art einige Grundzüge der ägyptischen Weltanschauung darzulegen versucht. Sinopolis intellektuelle Integrität in allen Ehren: Es mangelt hier an wirklicher Tiefe. Nirgends wird die Oberfläche der berührten großen Ideen durchbrochen, nirgends wird dem Zuschauer zugemutet, tiefer einzusteigen in diese Materie, die man nicht auf Esoterik-Shop-mit-Räucherkerzenduft-Niveau simplifizieren sollte. Es irritiert ein wenig, dass Sinopoli, der Ideengeber dieses und des anderen enthaltenen Films, damit einverstanden gewesen sein soll.
Der andere der beiden Filme auf dieser DVD bietet zwar mehr Musik – Schumanns "Rheinische", Wagners Parsifal-Vorspiel und Beethovens Siebte – und weniger Worte, dafür aber nicht minder unvergorene, ungeschützt dahin gestellte Weisheiten: Sinopoli sei die optimistische ägyptische Religiosität näher als die protestantische Lehre von Schuld und Sünde, ist da zu hören, und er glaube, diesen Ansatz in Beethovens Siebter Sinfonie wieder zu finden, in der der Komponist "eine Welt der epischen Proportionen aus Motiven und Rhythmen kreiert". Das ist entweder allzu verkürzt dargelegt oder einfach blanker Unsinn.
Die präsentierten musikalischen Leistungen sind sicher absolut hörenswert, aber sie gehen allzu sehr unter in einer Flut von Bildern (Ägypten im ersten, hässliche Computeranimationen im zweiten Film). So einfach lassen sich komplexe geistige Zusammenhänge eben einfach nicht vermitteln. Es bleibt mehr als ein fader Nachgeschmack.

Michael Wersin, 10.09.2005



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