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Chillin’ With Andy Bey

Andy Bey

Minor Music/In-akustik MM 801108
(55 Min., 10/2002) 1 CD

Mitte der Neunzigerjahre konnte es für den Sänger und Pianisten Andy Bey nicht mehr schlimmer kommen. Der ehemalige Sideman von Horace Silver oder Charles Mingus hing in New York, ohne vernünftigen Job und mit der ärztlichen Bestätigung, dass er HIV-positiv sei. Dann aber geschah Wunderliches: Ein Rechtsanwalt aus Detroit wollte eine Liebhaber-Platte mit Jazz-Balladen produzieren. Seine Wahl fiel auf Andy Bey als ausführenden Künstler. Er habe das schon ziemlich obskur gefunden, erklärt Bey, es dann aber doch gemacht. Die Aufnahme "Ballads, Blues & Bey" wurde im Magazin "Down Beat" 1996 unter den besten Platten des Jahres aufgelistet. Es war der Beginn der späten Entdeckung eines großen Künstlers.
"Chillin’", die dritte CD seit Beys Comeback, zeigt den inzwischen 64-Jährigen nach wie vor auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Von wegen Chill-out-Musik: Wenn Bey singt oder die Tasten drückt, bleibt einem vor Ehrfurcht glatt die Cocktail-Kirsche im Halse stecken. Seine Stimme kann sich unversehens in lichte Höhen schrauben und im nächsten Moment ins tiefste Bassregister fallen, ein Stockwerk nur über dem Totenreich. Sein Vibrato muss zarte Gemüter erschüttern, sein kantig-eigensinniges Klavierspiel ungeübte Begleiter völlig aus dem Konzept bringen. Bey interpretiert denn auch auf "Chillin’" ganz alleine Standards aus dem Gershwin- oder Rodgers/Hart-Songbook. Und wie er das tut - mit zartem Schmalz, stiller Verzweiflung und verzagtem Trost - das macht ihm keiner nach. Immer noch (und trotz des fabelhaften und mit mehr Mut produzierten Vorgänger-Albums "Tuesdays in Chinatown"): eine Offenbarung.

Josef Engels, 29.11.2003



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