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Johann Sebastian Bach

Motetten

Hilliard Ensemble

ECM/Universal 1875
(76 Min., 11/2003) 1 CD

In seiner neusten Produktion wagt sich das Hilliard Ensemble, aufgestockt um zwei weibliche Soprane und zwei männliche Alte, an die Motetten Johann Sebastian Bachs und widmet sich damit einer Stilistik – hochvirtuose barocke Ensemblemusik –, die im Repertoire der ansonsten eher in der Renaissance beheimateten Gruppierung allenfalls ein Randbereich ist. Zum Vergleich bietet sich die Einspielung nahezu desselben Programms durch das Ensemble Cantus Cölln (DHM) an, eine 1995 entstandene Aufnahme, die nach wie vor Reverenzcharakter hat.
Der grundlegende Unterschied: Cantus Cölln verwendete in einigen der Werke Colla-parte-Instrumente, das Hilliard Ensemble verzichtet – mit Ausnahme einer Continuo-Orgel bei "Lobet den Herrn, alle Heiden" – völlig darauf. Über das Für und Wider der einen oder anderen Praxis ist hier aus musikwissenschaftlicher Sicht nicht zu befinden, die Frage lässt sich wahrscheinlich nie endgültig klären, ebenso wenig wie Bestimmung und Aufführungspraxis der Stücke im weiteren Sinne mit Sicherheit auszumachen sind. Tatsache ist allerdings, dass das Hilliard Ensemble durch den Verzicht aufs instrumentale Gewand schonungslos den Blick freigibt auf seine rein vokalen Qualitäten – und da gibt es in der Tat gewisse Kritikpunkte: Die beiden Altisten etwa geraten in Koloraturpassagen gelegentlich etwas ins "Jodeln", die eine der beiden Sopranistinnen ist blasser und stumpfer im Timbre als die andere, was beim doppelchörigen Singen z. B. in "Singet dem Herrn ein neues Lied" durchweg auffällt. Positiv zu vermerken ist die äußerst detaillierte und feinsinnig-genaue Gestaltung der rhetorisch-musikalischen Ebene, d. h. die punktgenaue Reaktion auf alles, was der Wort-Tonbezug dieser herrlich vielfältigen, strukturell überreichen Wunderwerke bietet. Im Vergleich mit der genannten Aufnahme von Cantus Cölln muss man dennoch konstatieren, das letztere Gruppierung noch homogener, noch erfahrener im Aufeinandereingehen agiert und einen deutlichen runderen, geschlosseneren Ensembleklang aufzuweisen hat. Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen beiden Aufnahmen ist im Übrigen, dass das Hilliard Ensemble grundsätzlich langsamere Tempi wählt als Cantus Cölln; auch die Tempofrage kann freilich niemals endgültig entschieden werden, aber die langsamere Variante neigt doch – im Zusammenhang mit der engagierten Ausgestaltung bewegterer Linien durch die einzelnen Sänger – hier und da ein wenig zum Auf-der-Stelle-Treten. Der Autor dieser Zeilen plädiert daher nach wie vor für die ältere Aufnahme, obwohl das hohe Niveau der Hilliards natürlich über große Strecken immer wieder zur Geltung kommt; aber Bach ist letztendlich dann noch nicht ohne Weiteres wirklich überzeugend zum Swingen und klingen zu bringen.

Michael Wersin, 19.05.2007



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