Responsive image
Johann Sebastian Bach

Missae breves

Cantus Cölln, Konrad Junghänel

harmonia mundi HMC 901939.40
(110 Min., 1/2006, 3/2006) 2 CDs

Bachs vier "Kurzmessen" – bestehend nur aus den Propriumsteilen Kyrie und Gloria, von denen jeweils das Gloria in mehreren Sätzen (Chöre und Arien) vertont ist – hatten es lange Zeit sehr schwer: Die wahrscheinlich in den 1730er Jahren entstandenen Stücke standen und stehen bis heute im Schatten der h-Moll-Messe, u. a. deswegen, weil man schon früh entdeckt hat, dass sie weitestgehend aus bearbeiteten Kantatensätzen bestehen (heute weiß man indes, dass nicht nur viele, sondern fast alle Sätze auch der h-Moll-Messe auf deutsche Gottesdienstmusiken zurückgehen). Bachs "Parodietätigkeit" hat man früher – mangels eingehender Untersuchung – als bloß Arbeitszeit sparende Neutextierung geringgeschätzt und übersehen, dass Bach die betroffenen Stücke stets sorgfältig dem neuen Text und vor allem dessen Inhalt angepasst hat, was häufig eine tiefgreifende, aufwändige Umarbeitung mit sich brachte. Gut hat es dem Ansehen der vier Kurzmessen ferner sicher auch getan, dass im Rahmen der historischen Aufführungspraxis die h-Moll-Messe interpretatorisch verschlankt und "versportlicht" wurde – dadurch verringerte sich in puncto Wirkung beim Erklingen der Abstand zwischen dem einstigen Monumentalwerk und der Vierergruppe; zwar bleibt die Tatsache, dass vor allem die Kyriesätze der Kurzmessen kompakter und knapper gehalten sind, aber sie tönen heute im Vergleich nicht mehr nach "Messe light". Schwer hatten es also die Kurzmessen, schwer hat es heute jedoch auch jede Neuaufnahme dieser reizvollen Stücke, denn es gibt seit 1999/2000 auf zwei Einzel-CDs die Einspielung einer englischen Sängerformation (Carolyn Sampson, Robin Blaze, Peter Harvey u. a.) und dem Purcell Quartet – und die ist in ihrer Qualität kaum zu übertreffen: Selten haben alle Beteiligten eines Ensembles hinsichtlich sämtlicher interpretatorischer Parameter so vollkommen an einem Strang gezogen, und selten haben Sänger durch die Bank so beglückend schön gesungen wie auf diesen beiden CDs. Dass die vorliegende Neuaufnahme von Cantus Cölln auch dann durchaus Freude machen kann, wenn man die genannte Konkurrenzeinspielung kennt, liegt u. a. gleichfalls an einigen hervorragenden sängerischen Leistungen: Allen voran ist die bewährte Altistin Elisabeth Popien zu nennen, deren unprätentiös schöne, perfekt geführte Stimme so atemberaubend problemlos und schlackenfrei läuft, dass sie in ihren beiden Solonummern die musikalische Substanz und den Text perfekt zu Geltung zu bringen vermag – besser kann man es nicht machen. Brillant ist auch die solistische Leistung eines der beiden Bassisten (Junghänel besetzt die Chorstücke doppelt, in der o. g. englischen Einspielung bleiben die vier Sänger auch im Tutti Solisten), der hier nicht namentlich benannt wird, weil man im Beiheft offenbar absichtlich leider darauf verzichtet hat, die solistischen Stücke den Sängernamen zuzuordnen. Im Sopran sind in dieser Aufnahme erstmals Sabine Goetz und Gabriele Hierdeis zu hören; das tut vor allem dem Chorklang gut, denn besonders die zur Stammbesetzung gehörige Johanna Koslowsky hatte seit einiger Zeit deutlich Mühe, ihre Stimme optimal zu fokussieren. In der Solosituation schlagen sich die beiden neuen Soprane solide, aber nicht überragend. Unterm Strich ergibt sich daher, vor allem im Vergleich mit der englischen Produktion, ein durchwachsenes Bild mit größeren Qualitätsschwankungen, weshalb die Engländer letztendlich vorzuziehen sind.

Michael Wersin, 07.07.2007



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zugegeben: Letzte Woche haben wir mit unserer CD-Empfehlung ganz schöne Hör-Kalorien aufgetischt. Dagegen wirkt das a-capella-Album deutscher Adventslieder von Schwesternhochfünf wie ein Spaziergang im Winterwald: klar, kühl, konzentriert. Die Stimmen beginnen im Einklang wie ein Schwesternkonvent der Hildegard-von-Bingen-Zeit, doch schon, wenn beim Arrangement von „Maria durch ein Dornwald ging“ hörbar ein Geflecht aus Sekunden und Reibungen zu flirren beginnt, zeigt das Album, was in […] mehr »


Top