Weltersteinspielungen von drei der insgesamt vier überlieferten kirchenmusikalischen Kompositionen eines vergessenen Sprosses der Scarlatti-Familie bietet die vorliegende CD: Francesco Scarlatti war der Bruder von Alessandro und damit der Onkel Domenico Scarlattis. Sein berufliches Schicksal führte ihn nach erfolglosen Bewerbungen in Mailand und Wien auf die britischen Inseln, wo er zunächst für einige Zeit in London, ab 1724 dann in Dublin lebte.
Seine nur aus Kyrie und Gloria bestehende groß angelegte Messa und seine Vertonung des Vesperpsalms "Dixit Dominus" erfordern jeweils ein sechzehnstimmiges Vokal- und Instrumentalensemble, das sich in vier gleichstarke Chöre gliedert. Prachtvolle Klangentfaltung auf der Basis meist polyphoner Satzstruktur macht diese Werke zu typischen Beispielen konzertanter italienischer Kirchenmusik des Barock. Weniger extrovertiert geht es naturgemäß in der vierstimmigen Vertonung des zerknirschten Psalms 51 "Miserere mei" zu, der liturgisch in der Karzeit beheimatet ist. Hinsichtlich ihrer kompositorischen Qualität erweisen sich die Stücke als durchaus hörenswert; allerdings bringen es die versammelten Ensembles nicht immer zu einer ganz überzeugenden Leistung; vor allem Probleme mit der Sauberkeit trüben den Hörgenuss, so z.B. gleich am Beginn des "Dixit", wo der gesamte Diskant über längere Zeit deutlich zu hoch geriet. Die Probleme liegen nicht allein auf Seiten der Sänger, wenn auch u. a. die von einem Tenorsolisten vorgetragene Gloria-Intonation schlaglichtartig schlimme Mängel zum Vorschein bringt; auch die Blechbläser setzten ihre Töne immer wieder zu hoch - möglicherweise gab es bei der Aufnahme in einer englischen Abteikirche Hörschwierigkeiten. Leider kann auch die Präsenz von Emma Kirkby, die nicht nur in einigen Soli, sondern auch an der Spitze des Vokalensembles ihr Bestes gibt (wobei ihre mittlerweile nicht mehr junge Stimme nicht mehr ganz so reibungsfrei wie früher zur Verfügung steht), diese Produktion nicht auf das erstklassige Gesamtniveau heben, das ihr auf Grund des Engagements für zu Unrecht vergessenes Repertoire durchaus zustünde.

Michael Wersin, 27.11.2004



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