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Dmitri Schostakowitsch, Aaron Copland

Klaviertrios

Trio Wanderer

harmonia mundi/helikon harmonia mundi HMC 901 825
(5/2003) 1 CD

"Jede Volksmusik ist schön, aber von der jüdischen muss ich sagen, sie ist einzigartig!" Belege für diesen Satz Dmitri Schostakowitschs gibt das Trio Wanderer gleich im Doppelpack. Einmal mit Schostakowitsch selber und seinem 2. Klaviertrio e-Moll op. 67, in dem der Komponist 1944 seine Trauer über den Verlust des befreundeten Musikkritikers Iwan Sollertinski genauso verarbeitete, wie es vom Vorabend des Kriegsendes geprägt war. 15 Jahre zuvor entstand bereits Aaron Coplands sogenanntes "Witebsk"-Trio nach einem jüdischen Lied, das den Amerikaner nach einem Gastspiel der Moskauer Kunstbühne nicht mehr losließ. So sehr aber die zeitgeschichtlich unterschiedlichen Ereignisse federführend für die beiden Kompositionen waren, so besitzen sie bei allem harmonischem Rückbezug auf die osteuropäische Tradition genau die notwendigen Reibungsflächen und unerwartet ausgefahrenen Spitzen, um sich vom schnell reproduzierbaren Kunsthandwerk abzusetzen.
Falsche Sentimentalität ist daher auch nicht die Sache des Trio Wanderer. Und schon gar nicht die überzogene Konturenschärfe, um wie bei Schostakowitsch dramatische Fallhöhen aufzubauen. Mit durchaus offenem Visier nimmt das Trio Wanderer die burlesk-sarkastischen Drahtseilakte in Angriff. Doch allein hinter der instrumentellen Kompetenz der drei Franzosen steckt mehr als nur der Effekt: bis in die rhapsodisch-"jüdische" Expressivität des "Largo" hinein werden Verbindungen zwischen den Parallelwelten "Kunst-" bzw. "Volksmusik" geknüpft, die über die Befindlichkeit des Komponisten hinausweisen. Weshalb auch das "absolute" Erstlingstrio op. 8 weniger Schostakowitschs Interesse an dieser Gattung abrundet, sondern als avanciert-zukunftsweisende Folie zu hören ist. Und selbst bei Aaron Coplands Trio wird der marmeladesk-jüdische Ton durch das brisante Innenleben ersetzt - das einen rhythmischen Elan besitzt, der später bei Leonard Bernstein wieder auftauchen sollte.

Guido Fischer, 30.10.2004



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