Mit der Lady Macbeth von Mzensk begann im Jahre 1934 Schostakowitschs Leidensweg: Die auf einer Novelle von Leskow basierende Oper zeichnet das düstere Bild verkommener, menschenverachtender Zustände innerhalb der sowjetischen Gesellschaft. Stalin selbst wohnte einer Aufführung bei und vernichtete Schostakowitsch anschließend mit einem angeblich selbst verfassten Artikel in der Prawda, womit er den Anlass zur ruinösen inneren Emigration des Komponisten gab. Dessen Leben war seit jener Zeit geprägt von nackter Angst.
Stein Winge inszenierte das Stück für das Gran Teatre del Liceu in Barcelona in einem kargen, düsteren Bühnenbild äußerst fesselnd; seine Personenführung ist detailgenau und überzeugend, wodurch das permanente Wechselbad zwischen kalter Brutalität und grotesk-morbider Komik hervorragend zur Geltung kommt. Nadine Secunde als Katerina Ismailova gibt ein vollblütiges, rückhaltlos ausdrucksstarkes Porträt der in die Enge getriebenen Kaufmannsfrau, die ihren hasserfüllten, widerwärtigen Schwiegervater (stimmgewaltig und großartig dekadent: Anatoli Kotscherga) und dann, gemeinsam mit ihrem Liebhaber, ihren schwächlichen, impotenten Ehemann (stimmlich wie darstellerisch brillant: Francisco Vas) ermordet. Christopher Ventris stellt den Liebhaber Sergej engagiert im Spannungsfeld zwischen schierer körperlicher Reizesfülle und gelegentlichen feinsinnigeren Regungen dar. Zu erwähnen ist außerdem der fantastische Graham Clark in der Partie des heruntergekommenen Bauern: Die stimmliche Präsenz des schon über Sechzigjährigen ist - nach Hunderten von Opernabenden als Mimi, Loge etc. - ebenso überwältigend wie seine pantomimischen Fähigkeiten; sein Auftritt gehört zu den Höhepunkten dieser Aufführung.

Michael Wersin, 22.12.2004



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