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Dmitri Schostakowitsch

Michelangelo-Suite op. 145 a, Sechs Romanzen op. 140, Oktober op. 132

Ildar Abdrazakov, BBC Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda

Chandos/Codaex 10358
(73 Min., 4/2005) 1 CD

"Unsterblichkeit" heißt das letzte Lied der elfteiligen Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti op. 145, die Dimitrij Schostakowitsch 1974 komponierte. Im Alter von 68 Jahren. Und als ob der große russische Komponist seinen nahenden Tod vorausgeahnt hätte (er starb nach langer schwerer Krankheit ein Jahr später), eröffnet er dieses letzte Lied mit einem symbolträchtigen, naiven Thema. Es ist genau dieses Thema, das er schon als Neunjähriger komponiert hatte. Mit diesem Rückgriff schließt sich der Kreis eines Komponistenlebens, das so produktiv wie beschwerlich war. In einem politischen System, das ihm die allerletzte Anerkennung verweigerte und ihn stattdessen oftmals zur Anpassung zwang. Und so sah Schostakowitsch den berühmten Bildhauer und Maler Michelangelo fast wie einen Leidensgenossen, der gleichfalls in die Rolle eines Repräsentationskünstlers gezwungen wurde und damit in die Mühlen der Macht geriet. Die elf Vertonungen für Bass und Klavier, von der Schostakowitsch kurz darauf die hier eingespielte Version für Bass und Orchester erstellte, bilden daher ein Werk mit autobiografischen Zügen, wie es für die Sechs Romanzen von 1942 gilt, die Schostakowitsch 1971 orchestrierte.
Mit dem russischen Bassisten Ildar Abdrazakov haben diese beiden, merkwürdigerweise immer noch im CD-Katalog unterrepräsentierten Zyklen einen idealen Sachverwalter gefunden. Abdrazakov besitzt genau das mächtige Volumen, die notwendigen Feinschattierungen in den tiefdunklen Regionen und die Ausdruckskraft für das Poetische, Sentimentale und Stramme, um jedem einzelnen Lied den Puls zu fühlen. Die große Eindringlichkeit und Ernsthaftigkeit, die von der BBC Philharmonic unter Gianandrea Noseda gleichfalls kompetent inszeniert wird, schlägt dann in dem Zugabe-Stückchen "Oktober" um - in eine aufgeschreckte, Grimassen schneidende und wuchtige Hymne anlässlich des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution. Das ist so effektvoll wie subversiv.

Guido Fischer, 29.04.2006



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