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Dmitri Schostakowitsch

Sinfonien Nr. 5 und 6

St. Petersburger Philharmoniker, Yuri Temirkanov

Warner 2564 62354-2
(11/2005, 1/2006) 1 CD

Wie reagieren, wenn man sich den Zorn Stalins zugezogen hatte? Entweder, man war lebensmüde und reizte ihn weiter. Oder man versuchte, ihn mit Demutsgesten zu beschwichtigen. Da Dmitrij Schostakowitsch kaum zum Helden geboren war, entschied er sich 1937 auf den ersten Blick für den Weg des geringsten Widerstands - nachdem er und seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" bei den Hardlinern des "Sozialistischen Realismus" in Ungnade gefallen war. Die als Reaktion darauf entstandene 5. Sinfonie d-Moll op. 47 gilt seitdem als Kniefall Schostakowitschs, der zwei Jahre später mit der 6. Sinfonie h-Moll op. 54 gleich noch nachlegen sollte. Als zufrieden stellendes Repräsentationswerk erfüllt die Fünfte immerhin alle formalen Kriterien, während die Sechste mit ihrer unkonventionell dreisätzigen Satzfolge (Langsam-Schnell-Schnell) schon wieder etwas den Querkopf Schostakowitsch erkennen lässt. Doch auch wenn er im Gegensatz zu der ungemein wilden 4. Sinfonie die Klangsubstanzen mehr geordnet hatte, verkörpert gerade die Fünfte nicht eine devote "Ja-und-Amen"-Haltung, die man ihr gerne attestieren will. Der Praxistext kann das belegen. Und bei dem legen sich nun die ehemaligen Leningrader Philharmoniker und Uraufführungsinterpreten der beiden Sinfonien mächtig ins Zeug, um die Klischees samt Stiel und Stängel herauszurupfen.
Die Live-Aufnahmen aus Birmingham (Nr. 5) und St. Petersburg (Nr. 6) leben zuallererst von einer klangtechnisch vorbildlich eingefangenen Brillanz und Sprungkraft des St. Petersburg Philharmonic Orchesters unter Yuri Temirkanov. Da wird kein Tschaikowsky-Pathos ausgewalzt ("Allegretto non troppo" der Nr. 5), sondern verblasst beängstigend stellt sich der Mahler-Gestus des "Allegretto" spitz und aufschreckend auf. Und selbst in den scheinbar handgreiflich neo-klassizistischen Banalitäten steckt nun eine subversive Spannung, die sich in der 6. Sinfonie mächtig und durchdringend entlädt. Trauer und gespenstisches Umherflirren, attackierende Verve und polemisch wirkende Dissonanzen werden so prononciert und musikantisch bis ins Detail entwaffnend angegangen, dass man Ohrenzeuge von einer berechtigten Ehrenrettung Schostakowitschs wird.

Guido Fischer, 16.06.2006



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